„Wut hilft uns, zu erkennen, wo persönliche Grenzen überschritten werden. Die wichtige Frage dahinter lautet: ‚Welcher Wert, der mir wichtig ist, wird hier missachtet?‘ (…) Wenn man respektlos mit uns umgeht, wenn wir in einer Beziehung zu viele Zugeständnisse machen müssen, wenn man mehr von uns verlangt, als wir zu geben bereit sind oder wenn wir zu Dingen ja sagen, zu denen wir lieber nein sagen würden – in all diesen Situationen werden unsere Werte und Überzeugungen missachtet und verletzt. Dann ist es an der Zeit, mal in Ruhe nachzudenken.

Man sagt, Wut sei ein Sekundärgefühl. Häufig geht sie einher mit Empfindungen wie Schmerz, Trauer, Angst, Enttäuschung und Scham. Will man also Wut richtig verarbeiten, muss man sich sehr genau mit diesen tieferen, heiklen Emotionen auseinandersetzen. Wenn Sie wütend sind, sollten Sie sich folgende Fragen stellen: Wovor hab ich Angst? Bin ich verletzt? traurig? enttäuscht? Was steckt tatsächlich hinter dieser Wut? Ich werde wütend, wenn mich jemand kritisiert. Instinktiv gehe ich in die Defensive. Bei genauerer Betrachtung der Wut merke ich aber, dass dahinter die Angst vor Unzulänglichkeit steckt. Ich fürchte, nicht gut genug zu sein. (…) Die meisten Menschen denken, sie seien weniger verletzlich, wenn sie ihre Wut zum Ausdruck bringen als wenn sie Angst oder Verletztsein eingestehen. Ich kann mich darüber ärgern, dass meine Freundin meinen Geburtstag vergessen hat, aber eigentlich bin ich eher verletzt als wütend. Ich kann mich darüber aufregen, dass meine Gemeinde nicht genug für Singels über 30 anbietet, nur um dann zu entdecken, dass hinter meiner Wut die Angst vor dem Alleinsein steht.

Wenn Sie das nächste mal wütend werden, fragen Sie sich auch: Was hatte ich erwartet? Unerfüllte und unklare Erwartungen in Beziehungen, ob in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Schule, in Freundschaften, Partnerschaften oder auch in der Gemeinde, sind häufig Auslöser für Wut. Wir erwarten von anderen, dass sie wissen, was wir wollen, bevor wir es wissen oder es ausgesprochen haben. Wie fühlen Sie sich, wenn jemand aufgrund unerfüllter Erwartungen wütend auf Sie ist, diese Erwartungen aber nie ausgesprochen hat? Der andere ist einfach davon ausgegangen, dass Sie sie kennen. Das Problem ist, häufig sind unsere Erwartungen

  • uns nicht bewusst (wir wissen gar nicht, dass wir sie haben)
  • unrealistisch (wir geben uns einer Illusion hin)
  • unausgesprochen (wir behalten sie für uns) oder
  • nicht abgestimmt ( der oder die andere hat nie ja dazu gesagt.)

Vielleicht sind Sie wütend darüber, dass Ihr Hauskreis sich außerhalb der Gruppentreffen nie privat trifft. Sie hatten eine Erwartung, mit der Sie aber nie mit den anderen gesprochen haben. Sie sind wütend darüber, dass Ihr Mann Sie nicht täglich von der Arbeit aus anruft. Diesen Wunsch müsste er doch ‚erspüren‘. Offen ausgesprochen haben Sie ihn aber nie. (…) Wenn Sie verstehen, dass viele Erwartungen unerfüllt bleiben werden, weil sie weder ausgesprochen noch abgestimmt wurden, werden Sie feststellen, dass Sie viel seltener wütend werden.

Hinter Wut kann auch Kleinlichkeit stehen, Arroganz, Hass, Neid oder der Wunsch, einen anderen zu verletzen. Achten Sie mal darauf, ob Ihre Bemerkungen sarkastisch oder schnippisch sind oder ob Sie jemandem aus dem Weg gehen. Vielleicht sind Sie neidisch auf die Beförderung eines Arbeitskollegen. Ursache Ihrer Wut kann Angst oder Projektion sein. Die Wut wird zur Sünde, wenn Sie sie an jemandem auslassen, der damit überhaupt nichts zu tun hat. Gerade weil Wut eine so komplexe Emotion ist stelle ich mir – bevor ich aus der Wut heraus reagiere – folgende Fragen, die sich als sehr hilfreich erwiesen haben: Steht dahinter eine Schuld, für die ich die Verantwortung übernehmen muss? Ist meine Wut gerechtfertigt oder entspringt sie einer meiner dunklen Seiten? Habe ich jemanden in meiner Wut verletzt, den ich dafür um Vergebung bitten muss? Aristoteles hat einmal ganz richtig gesagt: ‚Wütend werden kann jeder, das ist einfach. Aber wütend sein auf den Richtigen, im richtigen Maß, zur richtigen Zeit, zum richtigen Zweck und auf die richtige Art, das ist schwer.‘ Wütend zu sein, ohne dafür Verantwortung zu übernehmen, ist leicht. Wut anzunehmen, um sie dann angemessen zu verarbeiten und sie nicht auf andere projizieren zeugt von großer spiritueller und emotionaler Reife.“

(Geri Scazzero in einem Buch, das ich grade lese. Ich überlege, ob ich dazu auch mal ein Training anbiete…)

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