Das hab ich Weihnachten jetzt tatsächlich gemacht:

Am Wochenende vor Weihnachten war Fil bei mir. War (natürlich) voll lustig, wir haben Tee gekocht und den in Siegen an Obdachlose und Bettler in der Fußgängerzone verteilt. War aber auch so ein bisschen, um Kraft zu sammeln, weil ich gar nicht wusste, was mich Weihnachten erwarten würde. Bis dahin hab ich nämlich immer Weihnachten komplett, das heißt, vom 24. bis mindestens 26. komplett bei meinen Eltern „gefeiert“.

Aber in 2012 ist einfach einiges gewesen, was mich befähigt hat, zu sagen, dass ich das nicht mehr will und auch danach zu handeln. Ich hatte vorher mehr oder weniger vor ich hingelitten, gedacht, dass es mir nicht gut damit geht, aber ich nicht das Recht hab, zu sagen, ich wolle es anders oder dass ich undankbar sei, oder anormal oder so. Aber hey, warum eigentlich? Bei der Fortbildung hab ich gelernt, meine Grenzen wahrzunehmen und zu verteidigen, in Gesprächen mit anderen Betroffenen hab ich gelernt, wie diese Gedanken in meinem Kopf zustande kamen und wo sie ihren Ursprung haben und ich hab angefangen, das Ganze, was ich denke mal objektiv zu sehen: Was ist daran undankbar, wenn ich sage, ich möchte nicht 3 Tage bei meiner Familie leben und damit wahrscheinlich nicht nur mich quälen sondern vielleicht auch andere? Und warum bin ich deswegen anormal, immerhin ist auch Mama nicht die ganze Zeit bei Oma und davon abgesehen ist unsere Familie da wirklich nicht ein Musterbeispiel, wie es sein sollte. Viel zu eng und gleichzeitig gleichgültig und erdrückend. Eine komische Mischung. Und meine anderen Freunde sind auch nicht die ganze Zeit bei der Familie. (Eine alte Freundin hat sogar mal gesagt, dass sie nicht Muttertag feiern!)

Aber genug Emo 😀

Ich hatte ein bisschen Angst, es meiner Familie zu sagen. Gott sei Dank kam mir meine Oma zur Hilfe. Ich hab ihr mein Dilemma geschildert und sie hat mir den Rat gegeben, Heilig Abend auf Einladung zu kommen, einen Feiertag bei ihr, also Oma zu verbringen und einen Feiertag bei Opa (immerhin könnte das sein letztes Weihnachten gewesen sein). War erst unsicher, aber dann fand ich die Idee doch gut. Als Papa mich dann ich glaub am Donnerstag oder Freitag vorher gefragt hat, hab ich ihm das so gesagt. Also war ich Heilig Abend bei Mama und Papa. Allerdings war ich nicht mit Mama zusammen im Gottesdienst, sie und Oma waren in der Kirche und ich in der Gemeinde. War auch das erste mal, dass ich selber entschieden habe, in welchen Weihnachtsgottesdienst ich gehe. Klingt komisch für ne erwachsene Frau, merk ich grade 😀 Erst danach bin ich zu meiner Familie gegangen. Als ich angekommen bin, war Mama noch im Gottesdienst und ich saß ein bisschen auf Kohlen, weil ich nicht wusste, was mich erwartete: Haß? Verachtung? übertriebene Liebe? Spott? Aber ich hab mir immer wieder gesagt, dass mir gar nichts passieren kann, wenn sie mir tatsächlich zu dumm kommen würde, konnte ich einfach gehen. Und ich glaube, ich hätte es wirklich gekonnt. Ich bin nicht auf die Gnade meiner Mutter angewiesen. Ich bin mehr wert als das, was sie manchmal in mir sieht. Und das Wissen hat mir dann geholfen, ruhig zu bleiben.

Als sie gekommen ist, war sie tatsächlich not amused. Ich weiß nicht genau, was sie hatte, aber als sie behauptet hat, es sei doch gar nichts konnte ich es tatsächlich auch dabei bewenden lassen und diese Bemerkung als „Ich will nicht darüber reden“ verstehen und nicht als „Ich will bestimmen, was du fühlst.“ Es hat mich nicht runter gezogen. Und als wir dann gegessen haben, hat sie ihre Weihnachtsmiene sehr gut aufgesetzt, so dass man kaum noch merkte, dass sie eigentlich scheiße drauf war und man konnte es gut aushalten. Ich bin glaub ich bis so sieben oder halb acht da geblieben und hab mich dann verabschiedet und ich glaube, es war soweit auch für sie ok.

Übrigends gab es den ganzen Abend soweit ich mich erinnern kann, außer dem „Es ist gar nichts“ keine weiteren verbalen Attacken. Sehr gut, Mama!

Ich glaub, den nächsten Tag war ich bei Oma, aber nicht den ganzen Tag, nur zum Mittagessen, weil nachmittags Mama zu Oma kommen wollte. War richtig schön, aber das ist es bei ihr meistens.

Die restliche Zeit war ich zu Hause. Ich war zwischendurch bei Opa, Papa und Jens waren auch mal da und wir haben zusammen Kaffee getrunken. Alina war auch dabei und ihre Tochter, die zu Besuch war, auch. Die studiert Germanistik und spricht sehr gut deutsch. War echt schön. Die war auch zwischendurch mal bei mir, wir haben Spiele gemacht und einen Film gesehen. Ich hab ihr Kalaha beigebracht, sie war echt gut. Richtig entspannt, so kannte ich Weihnachten noch gar nicht. Und ich hab immer gedacht, dass man einsam wäre, wenn man Weihnachten zu Hause wäre. Weil manche sagen, das wären alles arme Würstchen, die Weihnachten nicht bei der Familie sind. Aber das war ich doch, nur nicht die ganze Zeit. Und ich hab gemerkt, dass es einfach schön sein kann. Die Version von Weihnachten, die ich vorher kannte, die angeblich besinnliche, familiäre, das war für mich die Einsame und Traurige, weil wir zusammen waren, uns aber nicht wirklich viel zu sagen hatten. So konnte ich es endlich mal genießen und ich hab gedacht, es war unnötig, dass ich in den letzten Jahren in so eine Anti-Weihnachts-Stimmung gekommen bin.

Vor nicht mal 2 Wochen hatte Mama Geburtstag. Ich wurde am Tag vorher von Papa eingeladen, auf meine Nachfrage, was denn an Mamas Geburtstag wäre. Ich will nämlich nicht mehr einfach selbstverständlich kommen, weil ich glaube, dann wird es als selbstverständlich genommen, dass alles immer so weiter geht wie bisher. Also bin ich auf Einladung da hin Und da hab ich gemerkt, dass ich mir Mamas diskrimminierende Art tatsächlich nicht einbilde. Nicht, dass sie an dem Tag gegen mich gewettert hat oder mich beleidigt hat. Sie hatte Papa im Visier. Sie hat mich an eine frühere Klassenkameradin erinnert, die mich gemobbt hat. Derselbe Tonfall, derselbe Spott, derselbe geschickte Versuch, Anwesende auf ihre Seite zu ziehen, um gemeinsam gegen einen Schwächeren vorzugehen. Papa hat mir voll leid getan, sie hat ihn mit einem Hund verglichen, wollte ihn an die Leine nehmen, damit er sich nicht verläuft oder wenn er Sport machen wollte, hat sie ihn zum Hamster gemacht, den man in ein Laufrad setzen konnte. Dann könnte man damit wenigstens noch Strom produzieren und damit was verdienen anstatt teure Sportgeräte anzuschaffen. Klingt lustig und wenn man unreflektiert dabei wäre, wäre es das sicher auch. Aber ich hab nur gedacht, armer Papa!

Das hat mir 2 Dinge gezeigt:

1. Es war richtig von mir, anzufangen, da auszubrechen. Was in meiner Familie passiert ist wirklich nicht gesund, und wenn ich ihnen schon nicht helfen kann, muss ich mich selbst schützen. Es ist nicht böse und ich bin auch nicht undankbar deswegen oder eine Nestbeschmutzerin. Wenn es eine Nestbeschmutzerin gibt ist es die Person, die die Familie in einem schlechten Licht dastehen lässt weil sie sich schlecht verhält und nicht die Person, die es beim Namen nennt oder das nicht mehr mitmachen will. Schließlich ist auch derjenige der Umweltverschmutzer, der Giftmüll im Wald abladet und nicht derjenige, der sich daran stört und die Behörden alamiert.

2. Ich kann nicht mit Papas Hilfe rechnen, jedenfalls nicht mit der Hilfe meines irdischen Papas. Er ist zwar richtig lieb und in praktischen, handwerklichen Dingen auch echt hilfsbereit. Aber wenn es darum geht, sich gegen Mama durchzusetzen, Grenzen zu verteidigen und ich selbst zu sein wird er mir nicht helfen. Er ist schwach und das meine ich jetzt nicht abwertend oder so. Einfach, dass er nicht gegen Mama ankommt. Deswegen konnte er mich als Kind auch nie vor ihr schützen. Ich hab mich immer gefragt, warum ich, wenn es um Gott geht, eine tolle Beziehung zu Jesus habe und mit dem heiligen Geist auch prima klar komme, aber Gott als Vater war immer so, ja, den gibts auch noch, aber mehr auch nicht. Seit ich das hier mit Papa kapiert hab, ist auch Gott als Vater viel präsenter, also gefühlt präsenter. Hm…

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