Eine Freundin von mir sagt gerne, eine Arztpraxis steht und fällt mit den Helferinnen. Ich sagte immer, ich habe da nicht genug Erfahrung. Mein alter Hausarzt in Nümbrecht kann die Male, an denen ich in meinem ganzen Leben in seiner Praxis war, an seinen Fingern abzählen. Ein paar Impfungen, ein Nagelpilz, eine Mandelentzündung, das wars. Das liegt nicht nur daran, dass ich im Vergleich zu anderen relativ selten krank werde, sondern auch daran, dass meine Eltern uns lieber ins Bett gesteckt haben zum Auskurieren, als wegen allem zum Arzt zu rennen. Die Ärztin, bei der ich bis jetzt in Bonn war, hat mich in den drei Jahren ganze dreimal gesehen: Einmal hatte ich eine schlimme Erkältung und brauchte ein Attest für die Uni, zweimal brauchte ich Thrombosespritzen für den langen Flug nach Asien.
Jetzt bin ich ausnahmsweise mal wieder krank. Nicht wirklich schlimm, ein bisschen Husten, vor allem aber fühle ich mich total schlapp. Solange ich hier auf dem Bett sitze geht es mir gut, ich fühle mich sogar normal, und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, ich könnte rausgehen und fahrradfahren. Nur wenn ich aufstehe, erinnert mich mein Körper daran, dass dem nicht so ist, indem er mir erklärt, dass die Welt neuerdings ein großes Meer ist, das lustig hin und her schaukelt. Also besser nicht zur Uni heute. Und morgen wohl auch nicht.
Nachdem ich dies heute morgen beschlossen hatte, brauchte ich noch ein Attest. Ich suchte nach der nächstgelegenen Praxis (lange laufen ist eh nicht drin), fand sie sogar mit eigener Internetseite und dem Vermerk, Sprechstunde sei von 15-17 Uhr. Super, dachte ich, und stand Punkt 15 Uhr auf der Matte. Naja, wankte. Sie ist nur zwei Straßen weiter, aber als ich angekommen war, drehte sich alles um mich und ich hatte das Gefühl, gerade einen 300-Meter-Sprint hinter mir zu haben.
Die Arzthelferin fragte mich kurz angebunden „Name?“ – „Sie stehen nicht hier im Kalender.“ „Ich habe keinen Termin. Ich bin hier, weil es mir heute nicht gut geh. Mir ist schwindelig und ich fühl mich krank. Ich brauche ein Attest für die Uni.“ Sie sah mich unfreundlich an. „Wir haben für sowas Sprechstundenzeiten.“ „Ja, aber die sind doch jetzt?“ „Nein, die sind vormittags.“ „Aber im Internet stand ab 3.“ „Ja, das sind die ALTEN Sprechstundenzeiten.“ (Sie sagte das, als müsse man schon ziemlich bescheuert sein, nicht zu wissen, dass diese Praxis die Zeiten geändert hat. Stand doch überall…öh…in den Medien und so. Titelseite der FAZ.) Ich sagte also, das könne ich ja nicht wissen. Sie meinte, man solle doch so oder so vorher anrufen, egal ob Sprechstunde oder nicht, das wisse doch jeder. Ich verkniff mir die Antwort, die ehrlicherweise gelautet hätte: Festnetzflat ist nicht in meinem Tarif und da ich nicht dachte, dass es notwendig ist – offene Sprechstunde und so – wollte ich mir das Geld sparen, wenn’s auch nur ein Euro gewesen wäre. Kleinvieh macht auch Mist.
Sie sah mich nochmal böse an und meinte dann na gut, AUSNAHMSWEISE, aber dann müsste ich bestimmt MINDESTENS eine Stunde warten. Aber ich hatte ja eh nichts vor.
Also händigte ich meine Versichtertenkarte aus. „10 Euro krieg ich dann noch.“ Oh verdammt, daran hatte ich nicht gedacht. Und kein Geld dabei.
Die Sprechstundenhilfe verlor offensichtlich langsam die Geduld. Zumindest sah sie jetzt sehr böse aus. Hält sich nicht an die Sprechstundenzeiten, ruft nicht an UND hat kein Geld dabei. Gesagt hat sie das so nicht, aber der genervte Tonfall und der Blick waren eindeutig. „Wissen Sie wo die nächste Sparkasse ist? Es dauert eh noch, bis Sie drankommen.“ Für einen Moment überlegte ich, ihr ehrlich zu sagen, dass mir verdammt schwindelig war und ich mir den Weg lieber sparen würde. Aber sie sah nicht sehr mitfühlend aus. Also ging ich los. Langsam. Die Welt bestand immer noch darauf, Karussel zu fahren. Ich schaffte es aber unfallfrei zur Sparkasse und zurück.
Die zwei Stunden Wartezeit haben mich nicht überrascht. Das ist ja immer so, gerade ohne Termin, manchmal auch mit. Und ich hatte ein gutes Buch dabei.
Dann durfte ich mit Frau Freundlich mitkommen. Sie blieb an der Tür zum Untersuchungszimmer stehen, wies mit ausgestrecktem Arm hinein und sagte „Setzen Sie sich bitte.“ Ich ging hinein und setzte mich auf die Untersuchungsliege. Da erschallte vom Türrahmen ein genervtes „Ich hatte auf den STUHL(!) gezeigt!“ Frau Freundlich sah nun ernsthaft Böse aus. Wie viel musste Sie denn noch ertragen? Jetzt war ich auch noch zu dumm, zu kapieren, dass man sich im Untersuchungszimmer nicht einfach so auf die Liege setzt!

Interessanterweise war die Ärztin das genaue Gegenteil. Lieb, nett, lächelte viel, nickte mitfühlend und streichelte mich beim Hinausgehen am Arm, während sie sagte, dass das schon wird, mit Bettruhe und viel trinken. Dabei hatte ich mich fast entschlossen, diese Praxis nie wieder aufzusuchen.

Was ich mich ernsthaft frage, ist, warum solche Leute wie die Arzthelferin soziale Berufe ausüben. Zum Glück komme ich ja nicht oft in Arztpraxen. Ich weiß noch nicht, was ich das nächste Mal mache, wenn ich wieder krank werde. Ob ich nur wegen der Helferin nichtmehr hingehen sollte?

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