Das Kreuz ist DAS Symbol für den christlichen Glauben. An einem Kreuz ist Jesus gestorben. Am Kreuz zeigt sich nicht nur Gottes Gericht, sondern auch Gottes Gnade. Ich lese gerade das Buch „Das Kreuz“ von John Stott und einige Dinge, die darin stehen, haben mich echt lange beschäftigt.

 

Was mir am wenigsten bewusst war, ist, wie die Kreuzigung in der damaligen Welt gesehen wurde. Es war nicht nur eine Strafe für Verbrecher, es galt als die grausamste und am meisten verachtete Todesstrafe im römischen Reich. Es war sogar verboten, einen römischen Bürger zum Tode am Kreuz zu verurteilen. Diese Strafe war den „Barbaren“ am Rande der Zivilisation vorbehalten. Cicero schrieb, alleine das Wort „Kreuz“ müsse schon ferngehalten werden von den Ohren eines römischen Bürgers, denn es sei „die grausamste und widerwärtigste Strafe und eines römischen Bürgers und freien Menschen unwürdig“.

Der gewöhnliche römische Mittelschicht-Bürger hütete sich, über so etwas wie die Kreuzigung zu reden oder gar nachzudenken, die Gekreuzigten waren quasi Unpersonen.

 

Auch die Juden hatten einen guten Grund, das Kreuz zu fürchten. Denn laut 5.Mose 21,23 ist jeder unter Gottes Fluch, der an einem Holz hängt. Er soll auch nicht dort hängen bleiben, sondern am selben Tag begraben. Ein Gekreuzigter hing aber für gewöhnlich mehrere Tage am Kreuz und war damit nicht nur unter dem Fluch Gottes, sondern verunreinigte zugleich auch das Land indem er hingenblieb, wie es weiter in dem Vers heißt.

 

Als ich das gelesen habe, ist mir zum ersten Mal so richtig bewusst geworden, in welchem Ausmaß sich Gott in Jesus für uns erniedrigt hat. Uns ist diese Idee heute ja eher fremd, dass es ehrenvolle Tode und verachtete Arten zu sterben gibt, und mit den Opfern von Folter haben wir vor allem Mitleid. Aber Jesus hat in einer Gesellschaft gelebt, in der das Leben eines Menschen nicht als an sich wertvoll erachtet wurde, in der die Todesstrafe fast schon zum Alltag gehörte und in der Sklaven nicht als Menschen gesehen wurden, sondern als Gebrauchsgegenstände.

In so einer Gesellschaft hat man dann auch kein Mitleid mit einem Gekreuzigten, sondern sah ihn als eine Art Unperson, als Abschaum der Gesellschaft.

 

Jetzt weiß ich auch, warum es bei Jesaja heißt „er war der Allerverachtetste“ (Jesaja 53,3). Nicht nur, dass er ein Wanderprediger aus einem unbedeutenden Provinzkaff war, dazu noch ohne offizielle theologische Aubildung. Er ist am Kreuz gestorben auf der Müllkippe Jerusalems, und war damit sowohl für Juden als auch Römer ganz unten auf der sozialen Leiter angelangt. Ein Fluch Gottes und ein unwürdig am Kreuz Gestorbener. Und jetzt verstehe ich auch so richtig, warum Paulus gesagt hat „das Wort vom Kreuz ist denen, die Verlorengehen, eine Torheit“. Nicht nur will es nicht in unseren menschlichen Verstand gehen, dass Gott sich selber opfert, um unsere Sünden zu tragen. Heldenhaft für jemand anderes zu sterben, das konnte so ein Römer sicher durchaus nachvollziehen. Aber ein GEKREUZIGTER? Ein Gekreuzigter soll unser Retter, ja sogar unser Gott sein? Das ist doch lächerlich, solche Verbrecher, die am Kreuz sterben, die sind doch der unterste vom untersten Abschaum, noch unter obdachlosen, drogenabhängigen Alkoholikern. Man stelle sich mal vor, da stirbt ein Penner unter ’ner Brücke, weil er besoffen an seiner eigenen Kotze erstickt, und später behauptet jemand: Das war Gott, der hat uns damit von unseren Sünden gerettet. So lächerlich klang das in römischen Ohren, wenn sich Paulus hinstellte und sagte: „Wir predigen den Christus, den gesalbten Retter Gottes, als den Gekreuzigten.“ (1.Korinther 1,23) Und dann sagt er sogar noch „Ich will nichts kennen als das Kreuz!“ Ein normaler Mensch, der redet doch nicht mal freiwillig von so schmutzigen Dingen wie der Kreuzigung!

 

Was ich also gemerkt habe, als ich dieses Buch gelesen habe, ist, dass ich bis jetzt nur eine sehr oberflächliche Vorstellung von der Bedeutung des Kreuzes, vor allem in der damaligen Zeit, hatte. Dass Jesus nicht nur einfach so für uns gestorben ist, quasi ehrenhaft und „mit erhobenem Haupte“, sondern einen ehrlosen Tod gestorben ist, bei dem man ihm alleine schon durch die Art der Todesstrafe zu verstehen gegeben hat: „Du bist nichts wert. Wir verachten dich.“ Und damit hat er nicht nur unsere Vergehen getragen, indem er unschuldig als Verbrecher starb, und unsere Gottverlassenheit, als Gott ihn verließ, sondern er hat auch die Verachtung ertragen, die wir Gott entgegenbringen, indem wir ihn an den Rande der Gesellschaft drängen und ihm nicht viel mehr Beachtung schenken als dem Alkoholiker, der unter der Brücke lebt.

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