…weiß ich spätestens seit heute wieder.
Am Freitag bin ich zu meinen Eltern gefahren, weil wir am Samstag zum Geburststagsfeiern nach Tübingen zu meinem Bruder wollten. Er ist 30 geworden.

Dass die Hinfahrt nicht angenehm wird, habe ich mir schon gedacht. Meine Mutter wird bei Autofahrten immer leicht reizbar. Es kam aber schlimmer: Ich bot an, zu fahren. Mein Vater war Beifaherer. Ich bin noch nie eine so lange Strecke mit ihm als Beifahrer gefahren, sonst hätte ich mich nicht angeboten. Meine Mutter sagt: „Er fährt halt mit.“ Ich sage: „Er raubt mir den letzten Nerv.“ „Nicht so schnell.  Fahr auf die linke Spur. Den hättest du aber jetzt nicht unbedingt überholen brauchen, wir wollen doch spritsparend fahren. Da vorne an der Ampel links einfädeln. Hier auf die A 2548 abfahren, du musst auf die rechte Spur, Rechts!“ „Papa, ich bin durchaus in der Lage, das Bild auf dem Navigationsgerät richtig zu interpretieren. Du musst mir die Angaben NICHT vorlesen.“ (Zumal im Auto meiner Eltern nochmal eine Anzeige vom Navi auf dem Armaturenbrett ist, sodass man garnicht nach rechts auf den Bildschirm schaun muss, sondern nur runter wo auch der Tacho ist. Ist wirklich angenehm.) „Das ist gut, dass du das kannst. Hier musst du jetzt gleich abbiegen! Links!“ So ging das die ganze Zeit. Ich war nach einer Stunde mit den Nerven fertig. Nicht so schnell, du musst schalten, überhol den, hier ist 70, davorne ist 50, hier ist Überholverbot, da kommt eine Baustelle, hier darfst du wieder 100 fahren, es gab nichts, was mein Papa nicht vorsagte. Ich bat ihn mehrmals, aufzuhören, er meinte nur „Ich bin halt selber Autofahrer, da fährt man immer im Kopf mit.“ Mama meinte nur ein paarmal halbherzig „Lass doch, Klaus.“, las aber ansonsten ihr Buch. Irgendwann kam eine Baustelle. Ich ging auf die vorgeschriebenen 50 runter, plötzlich sah ich im Rückspiegel einen Sportwagen heranrasen. Keine Anstalten, langsamer zu werden, schon war er nurnoch ein paar Meter entfernt. Vor mir frei, ich drücke das Gas bis zum Anschlag durch. Er scheint im Rückspiegel schon fast die Stoßstange zu berühren, aber unser Wagen hat genug PS, zieht zügig an und ich bin mit etwas Abstand zum Hintermann wieder bei 90 km/h, Tendenz steigend. Scheiß aufs Tempolimit. Man, saß mir der Schreck in den Gliedern. In unserem alten Auto, das nicht so viel PS hatte, wäre das 100%ig ein Unfall geworden. Papa fängt an rumzuschrein. HAST DU SIE NOCH ALLE, HIER SO HERUMZURASEN! DU SPINNST WOHL!! WAS SOLL DENN DER SCHEISS?!“ Meine Hände zittern noch etwas vor Schreck und ich schreie zurück: „Wär’s dir lieber gewesen, wenn der Kerl uns reingefahren wäre?!“ Mein Papa hatte das natürlich nicht mitgekriegt. Ich war echt auf 180. Und zwar nicht mit dem Auto. Denkt der denn, ich fahre hier über eine Stunde genau nach Vorschrift, nur um mitten in einer verengten Baustellenfahrbahn aus Jux und Dollerei plötzlich zu rasen? Traut der mir das echt zu? Das heißt, hat er so wenig vertrauen in mich? Meine Mutter hat dann auch noch angefangen zu schreien Jetzt ist RUHE! Ich halt dass nicht aus mit euch! Ihr könnt an der nächsten Raststätte aussteigen und dann fahre ich alleine nach Tübingen!!! Ich hab bei der nächsten Gelegenheit mit ihm gewechselt und bin weder auf dem Hin- noch auf Rückweg noch einmal gefahren.

In Tübingen war’s dann OK. Bei der Wahl des Restaurants gab’s dann wieder die hinlänglich bekannte Pseudoabstimmung (mein Bruder und ich sind für thailändisch, weil das sehr gut sein soll, sagt meinBruder (2:1:1 Überstimmung der Vorschläge von Papa und Mama), meine Mutter schreit rum, dass sie nicht gekommen ist, um in so ein billiges Dreckslokal zu gehen (obwohl es ein gehobener, teurer Thailänder ist) und wir gehen, wie immer, dahin wo Mama sagt), aber ansonsten ging’s. Ein paar Kommentare, wie immer, wie ich denn gedenke, einen Mann für Enkelkinder zu finden, wenn ich nicht mal „ein paar Pfündchen“ abnehmen. Das übliche.

Gestern abend sind wir zurückgekommen. Heute morgen dann habe ich nach dem Frühstück auf dem Bett gelegen und mein Buch weitergelesen. Meine Mutter kam rein. „Papa geht gleich mit dir Schwimmen.“ „Ich möchte lieber mein Buch zuende lesen.“ „Nein, also DAS MACHE ICH NICHT MIT! DU WIRST HIER NICHT WIEDER NUR FAUL RUMGAMMELN!!!! DAS HALTE. ICH. NICHT. AUS! DANN KANNST DU GLEICH WIEDER GEHEN! Du musst dir eh noch einen Job suchen. ABER HERUMFAULENZEN WIRST DU HIER NICHT!“ (Damit wäre auch deine Frage vom 23.7. beantwortet, bithja, warum ich bei der SMS-Nachricht „Du musst jetzt sehen, wie es weitergeht.“ direkt an „Such dir einen Job!“ gedacht habe. Sowas höre ich schon seit der Schulzeit. Spätestens nach einer Woche Sommerferien fing sie an rumzuschreien, dass sie uns nicht mehr aushält und wir uns irgendeine Beschäftigung suchen sollen, aber im Haus wolle sie uns tagsüber nicht mehr sehen.) Naja, meine Mutter hat in dem Ton noch etwas weiter rumgeschrieen und kam dann unweigerlich mal wieder zu dem Punkt, dass ich ein fauler Nichtsnutz bin und aus mir nie was wird. Ich bin dann so schnell wie möglich abgehauen, um den Tag, wie schon zu Schulzeiten, im Dorf zu verbringen.

Ich hab mir Schokolade gekauft und Cola und bin dann auf die Friedhofsmauer geklettert. Es gibt da eine Stelle, da sind von außen Bäumen, an denen man leicht hochkommt. Oben ist die Mauer so von Bäumen überwachsen, dass man kaum gesehen wird, und man kann sich an die Stämme anlehnen. In der Schulzeit bin ich öfter hier raufgeklettert. Man kann sehr schön halb versteckt hinter den Blättern sitzen. Plötzlich hörte ich von unten Rufe. „Ey, guck mal, da sitzt eine. Hey, du da, was machst du da? Wer bist du?“ Ein paar Halbstarke, vielleicht so 16/17, der Laune nach auf dem Weg zum Saufen. Ich ignoriere sie. Sie hören nicht auf. „Wieso sitzt du da? Wer bist?…. Ey, du mit dem lila T-Shirt! Wer bist du? Werbistduwerbistduwerbistdu-ey, ich rede mit dir!!“ Na großartig, das fehlt mir noch. „Was machst du da? Nimmst du Drogen? Bestimmt besäuft die sich.“ – „Geht dich nichts an, was ich mache. Lass mich in Ruhe.“ „Wie heißt du? ….. Wieheißtduwieheißtduwieheißtduwieheißtdu?“ Ich reagiere nicht. Wird denen schon gleich langweilig werden. Plötzlich fliegt ein kleiner Stein in meine Richtung. Dann noch mehr. Es sind nur ganz kleine, so Schotter, wenn sie mich treffen, spüre ich kaum etwas, trotzdem geht mir das zu weit hier. Die beiden überlegen, zu mir hochzuklettern. Jetzt wird mir mulmig. Die Mauer ist schon relativ hoch, bestimmt über 3 Meter. Man kann sicher sitzen, weil sie sehr breit ist und überall Bäume um einen sind zum festhalten und anlehnen, aber wenn ich nun geschubst würde…. Sie rufen hoch. „Ey, du da, du fette hässliche, rede mit uns. Was machst du da? Ey, du mit dem fetten Arsch!“ Ich könnte heulen. Bis jetzt dachte ich, meine Eltern wären die einzigen, die mich für zu dick halten. Aber jetzt auch noch von wildfremden Jungs? Ich fange an, an einem Baum herunterzuklettern, um abzuhauen. Sie laufen um die Mauer herum und sind da, als ich mich vom untersten Ast fallen lasse. Jetzt wird mir echt mulmig. Sie rufen mir irgendwelche Beleidigungen zu. „Ey Fettarsch, man bist du hässlich!“ und so. Ich schau mich um, niemand sonst da. War ja klar. Sie halten aber einen recht großen Abstand und machen keine Anstalten, näher zu kommen. Schön aus der Ferne pöbeln. Als ich in ihre Richtung gehe, um zur Straße zu kommen, weichen sie aus und pöbeln von der Seite. Solche Feiglinge. Plötzlich habe ich überhaupt keine Angst mehr vor ihnen. Ich gehe ein paar Schritte auf sie zu, sie weichen zurück. „IEEH, komm bloß nicht näher! Du bist so ekelhaft!!“ Ich gehe schneller direkt auf sie zu und frage „Was ist euer Problem? Ist euch der Alkohol ausgegangen? Und jetzt langweilt ihr euch?“ „Ieh, komm nicht näher, du bist so hässlich, das ist ja ekelhaft!“ Natürlich komme ich näher und unter lautem IEEH und BAAH und „Schnell weg hier, bevor sie uns noch anpackt!“ drehen sie sich um und rennen weg.

Natürlich weiß ich, dass das gelangweilte Halbstarke waren. Feige noch dazu. Ein bisschen aus der Ferne beleidigen, mehr nicht. Mir war trotzdem zum Heulen zumute, als sie weg waren. Hässlich genannt zu werden ist nichts neues für mich, das hatte ich schon in der Schulzeit zu genüge. Aber wenn jetzt schon irgendwelche dahergelaufenen Jungendlichen damit anfangen, mich fett zu nennen? Ich weiß ja, dass ich nicht dem aktuellen Schönheitsideal entspreche, aber ich halte mich durchaus für normalgewichtig. Wieso ist meine Umwelt da anderer Meinung?

Vor allem würde mich mal interessieren, warum gerade ich solche Idioten anziehe wie ein Magnet? Warum sagen gerade mir ständig irgendwelche Leute, ich sei „ekelhaft“ und „hässlich“? Zugegeben, seit ich in Bonn wohne, ist das eher nicht mehr vorgekommen. Da wurde mir wenn dann bescheinigt, mit mir würde was nicht stimmen, aber diese ganze du-bist-eklig-pack-mich-nicht-an Sache habe ich seit der Schulzeit nichtmehr gehört. (Und da war es eher in Zusammenhang mit meiner Neurodermitis.) Trotzdem bleibt die Frage, warum auf meiner Stirn ein Zettel zu kleben scheint auf dem steht „Pöbel mich an!“? Und wieso können nur andere ihn lesen?

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