Ich weiß, die Überschrift ist hart. Ich versuche immer, unhöfliche Menschen nicht gleich zu beschimpfen, laut erst recht nicht aber auch nicht im Kopf. Wie sagte Jesus doch? Jemanden zu beschimpfen ist nicht viel besser als jemanden zu töten. Die lieblose, menschenverachtende Einstellung ist die gleiche. Und mal ehrlich, wann hat das je bei einem Konflikt geholfen?

 

Aber heute, heute habe ich so ein Exemplar getroffen das kann ich nicht anders nennen als Arschloch.

 

Es war so:

Gestern war ich seit langer Zeit endlich mal wieder Blut spenden. Durch die Koreareise und die Knie-OP war ich lange gesperrt gewesen. Nach der Spende war es mir wie immer gut gegangen. Richtige Probleme hatte ich nur beim allerersten Mal gehabt, da war ich hinterher ganz schön wackelig auf den Beinen. Danach, die letzten 11 Spenden, habe ich mich immer gut gefühlt. Etwas kurzatmig, ich hätte keinen Marathon laufen können (zugegeben, könnte ich auch so nicht ;)), aber ansonsten ganz normal. Als ich im klimatisierten Bus nach Hause fuhr, hatte ich sogar ein leichtes Hochgefühl. Vermutlich Adrenalinrausch oder so, wenn der Körper plötzlich merkt, dass Blut fehlt und in leichter Panik die Produktion ankurbelt. (Aber ich bin keine Medizinerin, vielleicht ist es auch was anderes.) Auf dem Weg von der Bushaltestelle nach Hause wurde mir dann doch etwas schwummerig. Die Luft war schwül und hatte vermutlich eh schon weniger Sauerstoff, da braucht man dann eigentlich jedes einzelne Blutkörperchen. Naja, dachte ich mir, leg ich mich halt was hin und arbeite an meinen 3 Litern, die ich an dem Tag trinken muss.

Heute morgen ging es mir wieder gut. Dann ging ich in den Unterricht. Schwüle Luft, vierter Stock unterm Dach, die ganze Zeit nur sitzen. War nicht so doll für den Kreislauf. Nach einer Stunde konnte ich mich auf nichts mehr konzentrieren. Ich sagte der Lehrerin, dass es mir nicht so gut ginge, weil ich gestern Blutspenden war. Und dann die Schwüle und die schlechte Ĺuft im Raum… Es stellte sich heraus, dass sie selber regelmäßige Spenderin ist und deshalb absolutes Verständnis hatte. Sobald ich etwas in Bewegung und auf der Straße war ging es gleich viel besser. Ich machte einen Abstecher zur Mensa, um mich mit zuckerhaltigen Dingen einzudecken, die meinen Kreislauf etwas unterstützen könnten. Vorm Colaautomaten musste ich etwas anstehen, was, gelinde gesagt, keine gute Idee war. Nach jeder Blutspende kriegst du es gesagt – nicht zu viel stehen, das ist schlecht für die Kreislauf. Daran hatte ich natürlich nicht gedacht.

Von einer Sekunde auf die andere drehte sich alles um mich und ich hatte einen Moment lang Angst, ich würde direkt zwischen den Tischen umkippen. Ich sah ein Sofa in der Ecke und bahnte mir meinen Weg durch die dicht gedrängt stehenden Studenten. Einfach nur zum Sofa, Beine hoch, dann geht es gleich. Nur nicht zwischen den Tischen umkippen, wo man mit dem Kopf irgendwo anstoßen könnte. Etwas wackelig erreichte ich das Sofa, ließ mich hinfallen. Beine höher lagern als den Körper (wie wir’s im Erste-Hilfekurs gelernt hatten) und ein großer Schluck aus der Cola. Die Welt verlangsamte netterweise ihre Karusselfahrt.

Plötzlich stand ein Student mit einer Tasse Kaffee neben mir – halbvoll, die andere Hälfte in der Untertasse. „Halloo????“ Der Ton drückte entrüsteten Unglaube aus. „Krieg ich vielleicht mal eine Entschuldigung??“ Dabei hielt er mir anklagend seinen Kaffee hin und zeigte mit der anderen Hand auf einen etwa 1-Euro-Stück großen Kaffeefleck auf seinem T-Shirt. Ich musste ihn wohl angerempelt haben. Ich brachte ein „Mir geht’s nicht gut…“ raus, für mehr hatte ich nicht die Kraft. „Das ist ja wohl keine Entschuldigung! Da kann man trotzdem mal aufpassen!“ Ich dachte, ich höre nicht richtig. Glaubt der, ich liege zum Spass hier in der Mensa, mit den Beinen hoch? Soviel Unverschämtheit machte mich wütend. Nur leider hatte die Wut den genau gegenteiligen Effekt wie sonst: Anstatt, dass ich mich energiegeladener fühlte, fing mein Kreislauf wieder an, richtig abzusacken. Ich versuchte, bewusst zu atmen und mich zu beruhigen.

Der Kaffeetyp dagegen kam richtig schön in Rage. „Also das gibt’s ja nicht, so eine UNVERSCHÄMTHEIT! Erst mich anrempeln und jetzt ignorierst du mich oder was?

Ich hatte einfach keine Kraft. Ich wollte ihn anbrüllen, ihm tausend Beleidigungen an den Kopf werfen und ob er nicht sehen könnte, dass ich hier einen Kreislaufkollaps habe, aber je wütender ich wurde, desto schlechter und schwächer fühlte ich mich und desto weniger brachte ich ein Wort heraus. Mir gings plötzlich sogar schlechter als kurz zuvor am Automaten, obwohl ich lag. Ich konnte nur noch heulen.

Da schalteten sich die beiden Studenten, die auf dem Sofa neben meinem saßen, ein: „Spinnst du, lass das Mädchen in Ruhe, du siehst doch, dass es ihr nicht gut geht! Du hast sie doch nicht alle, so ein Aufstand wegen einem blöden Kaffee, der hier in der Mensa 8o Cent kostet!“ Der Kaffeetyp ereiferte sich noch mehr. „Sie hat ihn nun mal verschüttet und sich noch nicht mal dafür entschuldigt! Das ist doch wohl das mindeste! Ich verlange ja noch nicht mal, dass sie das T-Shirt bezahlt, aber eine Entschuldigung und ein neuer Kaffee sitzt ja wohl drin, oder?“ Mittlerweile war ich nur noch am Heulen, weil mich die Situation einfach komplett überforderte. Ich fühlte mich kraftlos, mir wurde immer schwindeliger, dabei wollte ich doch die Kraft haben, dem Typen zu sagen, was für ein gefühlloses Arschloch er ist.

Zu meinem Glück taten das die beiden Jungs neben mir – und dafür bin ich ihnen unendlich dankbar. Sie geigten ihm wirklich gehörig die Meinung: Er solle mich in Ruhe lasse, ob er nicht sehen könne, dass es mir schlecht ginge, wie man denn nur so kalt sein könne, was denn wichtiger sei, so’n blöder Pott Mensakaffee oder die Gesundheit eines Menschen. Alles, was ich ihm am liebsten gesagt hätte. Das tat so gut zu hören, dass mich da jemand verteidigt.

Er sah aber keineswegs ein, dass er im Unrecht sein sollte: „Sie mag zwar keine SCHULD haben, wenn es ihr so schlecht ging, das räume ich ein. Aber VERURSACHT hat sie den Schaden trotzdem, auch, wenn sie nichts dafür konnte. Ich erwarte ja nicht mehr als eine Entschuldigung und dass sie mir den Kaffee ersetzt.“ Die beiden Jungs waren fassungslos und fragten, wie er mich denn nur verantwortlich machen könne, man sehe doch, dass ich nichts dafür könne. Aber der Kaffeetyp war ganz der entrüstete Geschädigte, der mich unbedingt zur Rechenschaft gezogen sehen wollte. Zum Glück lenkten die Jungs seine ganze Wut auf sich und verteidigten mich, sodass ich mich ausruhen konnte.

Mir ging es endlich etwas besser, ich konnte wieder aufrecht sitzen. Die beiden Jungs, die so tapfer für mich kämpften, hatten leider keinen Erfolg. Der Kaffee-Typ drehte sich zu mir um und fragte „ Also, was ist nun, ich warte noch immer auf eine Entschuldigung und meinen Kaffee.

JETZT hatte ich zum Glück endlich wieder die Kraft, und die nutzte ich auch: „Hörmal du gefühlloses Arschloch, ich hatte gerade einen Kreislaufkollaps. Ich bin einfach nur froh, nicht da vorne zwischen den Tischen zusammengebrochen zu sein, wo ich mir den Kopf aufgeschlagen hätte! Und du machst hier einen Aufstand wegen einem Scheiß-80-Cent-Kaffee, der noch nicht mal ganz verschüttet ist, die Hälfte ist ja noch drin in der Tasse! Halt einfach die Fresse und lass mich in Ruhe!

Oh ja, es tat verdammt gut, ihn Arschloch zu nennen.

Er zog wütend ab zu einem Tisch, wo seine Freunde waren, und ich hörte, wie er ihnen brühwarm erzählte, wie unverschämt ich zu ihm gewesen sei. Immer wieder schaute er bösen Blickes und kopfschüttelnd zu mir rüber.

Der Barkeeper hatte alles mitgekriegt, sich aber bis jetzt nicht eingeschaltet. Jetzt kam er mit einem Eiskaffee und einer ganzen Hand voller Kaffeekekse herüber. Für mich, aufs Haus. Dann brachte er dem Typen einen neuen Kaffee und ich sah, wie er beruhigend auf ihn einredete. Die beiden Jungs neben mir trösteten mich und versicherten mir, dass der Kerl ein Idiot ersten Ranges sei.

Nach dem Eiskaffee und den Keksen ging es mir schon besser. Trotzdem rief ich eine Freundin an, von der ich wusste, dass sie gerade in der Bibliothek ganz in der Nähe war. Ich erklärte ihr die Lage und fragte, ob sie mich bis nach Hause begleiten könne. Nur für den Notfall – auf der Straße umkippen ist noch gefährlicher als in der Mensa zwischen Tischen und Stühlen. Sie machte sich sofort auf den Weg.

Die Typen neben mir brachen auf und wünschten mir noch alles Gute. Als ich so saß und meinen Eiskaffee schlürfte, begann auch der Kaffee-Typ seine Sachen zu packen. Ich atmete auf. Er stand auf und – kam auf mich zu. Seine ganze Haltung, sein überhebliches Gesicht, seine kalte Stimme – alles zeigte mir nur zu deutlich, dass er sich absolut im Recht sah und mich noch immer für eine unverschämte Person hielt. „Also, ich gebe zu, ich habe etwas überreagiert. Du kannst nichts dafür, dass es dir schlecht ging. Aber ich hatte heißen Kaffee auf dem Hemd, da reagiert man schon mal etwas über.“ Ich dachte nur so bei mir: ‚Ääh, wegen dem kleinen Fleck? Wie regierst du denn, wenn du mal eine ganze Tasse im Schritt hast?‘Trotzdem hast du den Kaffee verschüttet und auch wenn du nichts dafür kannst, wäre wenigstens eine Entschuldigung und ein Kaffee drin.Bitte-was? Du hast deinen blöden Kaffee gekriegt, vom Barkeeper aufs Haus, dachte ich. Aber ich sagte nichts. Bloß nicht wieder Streit anfangen. „Allein schon, weil du mich „Arschloch“ genannt hast, schuldest du mir einen Kaffee als Wiedergutmachung.

Zu meiner Befriedigung machte mein Körper wieder mit und ließ mich meine ganze Wut in meine Stimme legen: „Ich habe dich Arschloch genannt, weil du ein gefühlloses Arschloch bist. Ich kipp hier um und du hast nichts besseres zu tun, als wegen einer beschissenen halben Tasse Kaffee so einen Zirkus zu veranstalten! Von mir kriegst du in hundert Jahren keinen Kaffee!

Er dampfte wütend ab. Natürlich nicht ohne sich umzudrehen, um mir einen bösen, entrüsteten Blick zuzuwerfen.

Als ein paar Minuten später meine Freundin eintraf, erzählte ich ihr alles natürlich brühwarm. Sie regte sich auch auf, bestätigte mir, dass der Kerl ein Arschloch sei und stellte Vermutungen über sein nicht vorhandenes Liebesleben an, dass ihn zu so einem Verhalten treiben müsse.

Ich gebe zu, diplomatisch habe ich mich nicht verhalten ihm gegenüber. Schimpfwörter tragen nicht unbedingt zur Entschärfung der Situation bei, wie mir jede Gewaltpräventionstrainerin erklären wird. (Nicht wahr?)

Aber – meine Güte – wenn es je einer verdient hatte, dann der Kerl.

Als ich dann mit meiner Freundin wieder auf dem Weg nach Hause war, ging es schon wieder besser. Die Bewegung brachte meinen Kreislauf wieder hoch, weitere Schokoladenrationen taten ihr übriges. Während ich hier auf dem Bett sitze und das schreibe, fühle ich mich richtig gut. Vermutlich weil mein Körper gerade eifrig gegensteuert und viel Adrenalin produziert.

Also, was ich heute gelernt habe:

1. Es gibt tatsächlich echte Arschlöcher, die selbst im Anblick eines halb zusammengebrochenen Menschen kein Mitleid kennen.

2. Es gibt aber auch tolle Menschen, die für einen in die Bresche springen.

3. Das Letzte, was man bei einem Kreislaufkollaps gebrauchen kann, sind extreme Emotionen wie Panik oder Wut. Schön ruhig bleiben, dann geht es schnell wieder besser.

Zum Glück sieht es stark nach Regen aus. Wenn es nicht mehr so schwül ist nach dem Regen, werde ich mich noch besser fühlen.

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