Vor zwei Monaten hatte Sally sich den Fuß gebrochen. Heute ist die Schiene endlich hab und laut Röntgen alles OK. Es ist schön, sie wieder laufen zu sehen. Aber auch komisch. Vor allem, da sie jetzt nicht mehr unsere Hilfe braucht. Ich habe mich noch nicht so dran gewöhnt und will immer noch aufspringen, wenn sie aufsteht, und sagen „Bleib sitzen, ich hole dir, was du brauchst.“

Am ersten Sonntag, als sie mit Krücken in den englischsprachigen Gottesdienst ging, betete einer der Anwesenden für sie und sagte, nun sei sie geheilt. Als sie humpelnd aber ohne die Krücken zu benutzen zurückkam, bin ich echt böse mit ihr gewesen. Ich hab ihr gesagt, wenn Gott dich heilt, dann heilt er richtig. Dann würdest du jetzt nicht humpeln. Und Gott ist kein Automat, wo man oben das Gebet reinsteckt und unten kommt die Heilung raus. Er heilt nicht immer auf Knopfdruck. Auch wenn wir uns das manchmal wünschen würden. Ich habe sie gefragt „Hast du Schmerzen beim Laufen?“ sie sagte „Ja“ und ich sagte: „Dann hat Gott dich nicht geheilt.“

Während der Wochen, die sie die Krücken hatte, saß sie meist am Küchentisch und arbeitete. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das jetzt wird, nach Hause zu kommen und da sitzt sie nicht mehr am Tisch. Ich habe dann immer meine Sachen geholt und am Küchentisch Hausaufgaben gemacht, an der Bachelorarbeit geschrieben oder einfach mit ihr gequatscht. Wir haben uns über vieles unterhalten und irgendwann hat sie angefangen, mir zu erzählen, wie schlecht sie sich fühlt, weil sie nicht mehr immer aktiv sein kann. Weil sie gerne viele Sachen macht, in mehreren Studentengruppen hilft, manchmal bei der Bahnhofsmission ist… Ich sagte dann, genieße doch mal die Zeit mit etwas mehr Ruhe. Aber immer, wenn ich kam, war sie am Computer und organisierte Sachen per E-Mail oder war irgendwie beschäftigt.

Ich habe so viel mit ihr geredet in der Zeit. Auch über den Glauben. Sie sagte, sie glaube irgendwie an Gott, könne aber zum Beispiel nicht an die Hölle glauben, weil das doch unfair sei. Sie erzählte mir, dass ihre Mutter auch immer so aktiv gewesen sei und ihr sogar über Skype gesagt habe, dass die Verletzung nur in ihrem Kopf sei und sie sich einfach zwingen müsse, zu laufen. Es dauerte eine Weile, bis ich sie so weit hatte, dass sie sich von anderen Sachen bringen ließ und nicht immer versuchte, zu laufen. (Mittlerweile sagt sie immer im Scherz, ich sei ihre Mutter, weil ich ihr immer so typische Muttersätze gesagt habe wie „Ruh dich aus.“ „Setz dich hin.“ oder „Hast du schon was gegessen oder soll ich für dich kochen?“ Mit Krücken kochen ist ganz schwer.)

Irgendwann bekam ich mit, dass sie viel Stress hatte mit den ganzen Projekten. Und auch, dass einige der anderen Leute aus den Projekten nicht sehr rücksichtsvoll waren und ihr viel Druck machten. Ich versuchte dann immer, ihr zu sagen, dass sie lieber aufhören sollte, als sich für sowas aufzureiben.

Gestern kam wie gesagt die Schiene ab und sie kann wieder laufen. Als wir nachmittags wie immer in der Küche saßen, kam ein Skypeanruf aus England. Der Mann war von einem ihrer Projekte. Er machte ihr viel Druck, sie müsse schon viel weiter sein. Sally sagte, sie mache schon so schnell wie sie könne und habe auch noch viel für die Uni zu tun. Da sagte er (tatsächlich!), sie solle halt nicht so viel schlafen, 5 Stunden reichen auch, das sei doch kein Problem! Ich sagte zu Sally (auf Englisch, damit er das versteht): „Sag dem Kerl, wenn er dich noch einmal so unter Druck setzt, komm ich persönlich bei ihm vorbei!“ Als sie aufgelegt hatte, sagte ich, sie solle bei dem Projekt aufhören, wenn es sie so fertig macht. Und mit solchen Leuten würde ich eh nicht arbeiten. Sie sagte ja, das wisse sie eigentlich auch, aber sie fühle sich halt verantwortlich.

Um Mitternacht klopfte es dann an meiner Zimmertür. Ich war noch wach. Sally stand da und sagte mit tränenerstickter Stimme, sie brauche Hilfe. Wir habe über eine Stunde geredet. Das heißt, sie hat geweint und ich versucht, sie zu trösten. Sie erzählte mir, dass sie halt immer allen helfen wolle, auch wenn sie selber eigentlich wisse, dass das zu viel für sie ist. Dass sie irgendwann ihren Glauben an Gott verloren habe und nicht mehr wisse, was sie jetzt glauben soll. Ich habe versucht, ihr so gut es geht zu helfen. Ihr zu sagen, dass Gott sie liebt, ohne gleich wie eine Predigerin zu klingen und sie zu überrumpeln.

Heute lächelt sie wieder, was mich glücklich macht, und sitzt gerade neben mir in der Küche am Laptop. Sie schreibt E-Mails, um viele der Projekte abzusagen.

Ich habe ihr einen Zettel in den Briefkasten gelegt. Es ist ein schönes Kreuz auf der einen Seite. Auf der anderen Seite habe ich meinen Taufspruch geschrieben „I will not leave thee, nor forsake the.“ (Joshua 1,4) und den Satz „God holds you in his hand and promises you this.“ Ich hatte die Karte vor einem Jahr gekauft, als ich eine Brieffreundschaft mit einer Christin in Amerika anfangen wollte. Ich wollte sie in den ersten Brief legen, aber es hat nicht geklappt. Heute morgen bin ich aufgewacht, habe die Karte gesehen und gedacht: „Deshalb ist die Brieffreundschaft nicht zustande gekommen. Damit ich jetzt diese Karte für Sally habe.“

Ich gebe zu, am Anfang habe ich mich auch gefragt, warum Gott sie nicht einfach heilen konnte. Jetzt weiß ich es. Damit sie lernt, dass sie nicht immer überall allen Menschen helfen muss. Dass sie sich auch mal helfen lassen kann. Und wenn dies nicht passiert wäre, wären wir nie so ins Gespräch gekommen und sie hätte mir nie von ihren Problemen erzählt.

Trotzdem freue ich mich, sie jetzt wieder fröhlich ohne Krücken laufen zu sehen. 🙂

Update 13.06.:

Ich bin so so sauer. Gestern saß ich wieder mit Sally in der Küche. Da kam Myriam rein und fing an, ungefragt Sallys Schultern zu massieren. Dann meinte sie: „Boah bist du verspannt! Das ist so ungesund, dass du immer hier am Tisch sitzt. Du musst dich mal mehr bewegen!“ Sally hatte grad seit 2 Tagen die Schiene ab! Ihr tut immer noch der Fuß weh, wenn sie länger unterwegs ist. (Was ja ganz natürlich ist.) Sally sah daraufhin sehr traurig aus und sagte mit einem gequälten Blick „Ja, ich weeeeiß.“ Myriam ging dann raus und Sally sah so aus, als würde sie gleich anfangen zu heulen, also habe ich sie in den Arm genommen und getröstet. Ein paar Stunden später, wir saßen wieder zusammen am Tisch (was wir in letzter Zeit wirklich oft machen), kam Anja. Ganz ehrlich: Ich mag sie nicht. Sie ist immer unfreundlich, kurz angebunden und hat wegen dem kleinsten Problem so einen Motzeton drauf, dass du schon gleich keinen Bock mehr hast, mit ihr zu reden. Sie kam also rein, machte sich was zu essen und kam dann kurz zum Tisch. Sie sah Sally von oben bis unten an und kniff ihr in den Bauch. „Du hast aber auch ganz schön zugenommen, ne?“ (Meine Meinung: Sally hat endlich Normalgewicht. Aber Anja ist auch so eine: scharf an der Grenze zum Rippen-einzeln-zählen. Und seit zwei Wochen offiziell auf Diät…) Sally sagte traurig „Ja, ich weiß doch. Bald kann ich wieder Sport machen.“ Ich sagte schnell „Du hast eine tolle Figur, Sally.“ Darauf sah Anja mich mit so einem „Ach, halt du doch die Klappe“-Blick an und ging. Als sie weg war, fragte ich Sally: „Du weißt doch, dass das nicht stimmt? Du siehst toll aus!“ Sie sagte „Ja, du hast recht. Ich darf nicht drauf hören.“, und lächelte zum Glück wieder. Etwas später kam Anja nochmal und meinte auf ihre kurzangebundene Art „Du weißt, dass das nur Spass war, ne?“ Sally nickte. Ich wusste auch nicht, was ich sagen sollte. Beziehungsweise, da Anja auch gerne auf ihrem Standpunkt beharrt, weiß ich, dass ein „Sowas ist nicht lustig!“ in einer äußerst unfruchtbaren und heftigen Diskussion über „Man muss doch Spass verstehen können“ geendet wäre. Zumal Anjas Ansichten vom Idealmaß, gelinde gesagt, verzerrt zu sein scheinen.

Zum Glücke merke ich, dass Sally lieber mit mir zusammen ist und ihr meine Meinung auch wichtiger zu sein scheint als Anjas oder Myriams. Da bin ich Gott sehr dankbar für. In den Schokokuchen, den ich heute gebacken habe, hat sie zumindest herzhaft reingehaun. 🙂

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