Mitte April ist eine neue Mitbewohnerin eingezogen, die jetzt zum Sommersemester angefangen hat zu studieren. (In Jura geht das noch.) Sie ist…lebhaft und wenn auch nicht vom Aussehen so doch vom Verhalten her eher der „Partytyp“. Sie redet auch mit jedem und allen und knüpft sehr leicht zu den Menschen um sie herum Kontakte.

Jetzt habe ich eigentlich kein Problem mit Leuten, die gerne reden. Manchmal bin ich auch so drauf und texte die Leute voll. (Hängt bei mir auch davon ab, mit wem ich zusammen bin. Ich glaub bei bithja mach ich das nicht so, oder?) Normalerweise nicht, aber ich red ja eh net so viel, deswegen fällt es mir vielleicht auch net so auf.

Aber, diese Person raubt mir den letzten Nerv. Ich verwette mein Wörterbuch, dass sie es nicht schaffen würde, länger als 2 Minuten am Stück still zu sein. Wenn sie in der Küche ist mit anderen, ist sie garantiert entweder

  • am reden
  • am singen
  • oder am pfeifen.

Ich habe sie noch nie komplett ruhig erlebt.

Heute wars dann besonders schlimm, und deshalb rege ich mich auch gerade so furchtbar auf.

Als ich heute morgen frühstückte, kam sie rein, stellte sich vor den Tisch, schaute mein Frühstück an und rief „BÄMM!!“ Ich, irritiert, „Bitte WAS?“ „Yeah, Hammerfrühstück, das du da hast!“ Ich schaute auf mein Frühstück: Brötchen, ein Ei, Tee. Normal. Für mich. Sie fing an, sich Frühstück zu machen, und fragte mich die ganze Zeit aus. „Frühstückst du immer so? Is ja der Hammer! Und, was geht heute noch so bei dir? […]“ Ihre Redefluss hörte nicht auf, bis ich mich zur Uni verabschiedete.

Mittags kochte ich gerade Lammpilaw (sehr lecker), als sie reinkam. „Hey, was geht, was kochst du da?“ Ich ließ sie in den Topf schaun. „Krasse Sache, kochst du immer selbst? Was kommt da alles rein? Lamm? Bäh, das mag ich überhaupt nicht. Ich esse eh lieber Fisch. Wenn überhaupt Fleisch, dann….“ Das war der Beginn eines laangen Redeschwalls über die Details ihrer Essgewohnheiten. Für gewöhnlich habe ich kein Problem damit, zu erklären, wie ich koche. Ich lerne ja auch gern neue Rezepte. Aber ich merkte, dass es sie garnicht so interessierte (ich hab sie auch noch nie frisch kochen gesehen), sondern dass sie nur redete um des Redens willen. Ein einziger, ununterbrochener Fluß: „Wie war die Uni bei dir hast du viele Hausaufgaben du schreibst grad Bachelorarbeit oder wie läuft das so heute hat mein Tutor uns erzählt und der eine Professor in Strafrecht ist so komisch….“ Als sie irgendwann merkte, dass ich nicht reagierte, fing sie an zu singen. Oper. Italienisch. Sie singt nichtmal schlecht, so ist das nicht. Aber ich wollte gerne mal für 5 Minuten Ruhe haben. Ich hatte auch angefangen, die Zeitung zu lesen. Oder es zu versuchen. Nachdem sie ein paar Minuten gesungen und dreimal mittendrin das Lied gewechselt hatte, bat ich sie, doch bitte nicht zu singen, das würde mich gerade stören.  „Magst du keine italienische Oper? Ich kenne auch deutsche Arien, ich sing dir mal eine vor.“ Sprachs und fing an, eine deutsche Arie zu singen. „Nein, bitte garnicht singen. Das stört mich gerade.“ „Achso, na gut.“ Etwa zehn Sekunden herrschte Stille im Raum. Dann fing sie an, zu pfeifen.

Plötzlich meinte sie „Du, dein Essen riecht verbrannt.“ Ich ging zum Topf, rührte ein bisschen und tatsächlich, am Boden war ein etwa 1-€-Stück-großer, angebrannter Fleck. Sie stand schon neben mir und schaut ganz ungeniert in meinen Topf. „Jetzt rühr das doch nicht! Du verteilst ja den ganzen verbrannten Geschmack!!“ Ich hätte sie am liebsten angemotzt, was es sie denn angeht, wie mein Essen schmeckt. Ich konnte mich gerade noch so zurückhalten, da ich keinen Bock auf Streit hatte. „Das ist doch nur ein klein wenig angebrannt, das ist nicht schlimm.“ Sie setzte eine absolut gefaked Entsetzensmiene auf, auf die Paris Hilton neidisch gewesen wäre, und rief mit gekünstelter Entrüstung in der Stimme „Ein WENIG?? GUCK DIR DAS DOCH MAL AN!! Ich würde das nicht mehr essen.“ „Musste du ja auch nicht. Ich esse es.“ Das war ihr dann anscheinend doch zu viel Ehrlichkeit, denn sie verschwand mit ihrem Salat auf ihr Zimmer.

Ich fürchte irgendwie, wenn sie so weiter macht, muss ich mal irgendwann mit ihr reden. Es nervt einfach total, dass sie immer nur am plappern oder singen ist und meint, sich in anderer Leute Angelegenheiten einmischen zu müssen. Das war jetzt nicht die einzige Gelegenheit, wo sie meinte, ich bräuchte unbedingt ihrem Kommentar zu meinem Essen, meiner Kleidung oder dazu, dass ich in der Küche Hausaufgaben mache. Und abgesehen davon ist es wie gesagt total nervig, dass sie nicht einmal kurz ruhig sein kann. Aber im Moment scheue ich ehrlich gesagt noch die Auseinandersetzung.

Kenn ich, die Angst vor der Auseinandersetzung. Das ist auf jeden Fall etwas, was ich auch lernen muss, weil ich hab gemerkt, dass wenn ich immer nur schlucke und denke, oder mir einrede, ist doch net so schlimm, dann platzt es irgendwann doch raus und das Ergebnis ist viel schlimmer als ein kurzes klärendes Gewitter.

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