Früher war mein Bruder ein überzeugter Atheist, der sich zu Kommentaren über Gott höchstens hinreißen ließ, wenn er irgendwo von einem Wissenschaftler hörte, der doch tatsächlich die Schöpfung verteidigte. Das fand er dann unwissenschaftlich und lächerlich.
Irgendwann hat er dann mit Meditation angefangen, um ruhiger zu werden und gegen seine häufigen Kopfschmerzen. (Mein Eindruck ist, dass sie seitdem noch schlimmer geworden sind bzw. häufiger auftreten, aber davon will er nichts hören. Dann sagt er, er habe Kopfschmerzen wegen des Wetters oder weil er schon eine Weile nichtmehr meditiert habe. Naja gut.) Dadurch kam er dann dazu, sich immer mehr für den Buddhismus zu interessieren. Anfangs betonte er immer, es sei nur wegen der langen Meditationstradition und es sei ja interessant, wo die herkäme, aber der transzendente Teil, daran glaube er auf keinen Fall.
Mittlerweile redet er schon so über den Buddhismus, als sei er überzeugt davon, hält die ganze Philosophie, die dahinter steht (keinem Lebewesen etwas antun etc.) für die beste moralische Grundlage, macht regelmäßig Yoga und seine Kopfschmerzen kann man meiner bescheidenen Meinung nach schon chronisch nennen, von den Magenschmerzen und so wollen wir besser nicht reden. (Nein, zum Arzt geht er nicht, er ist ja ein Mann. Und es liegt daran, dass er – egal wann du fragst – im Moment einfach zuviel Stress hat. Wenn er mal wieder mehr dazu käme, Yoga zu machen, ginge es ihm bestimmt besser…)

Am Wochenende war er dann zu Besuch und hatte ein T-Shirt mit folgendem Motiv an:

Mein christlicher Mitbewohner sah es und fragte: „Bist du auch Christ?“ Mein Bruder hatte es nicht ganz gehört und ich antwortete für ihn „Er ist eher Buddhist.“ Das hatte mein Bruder gehört und meinte naja, er würde sich jetzt nicht ganz als Buddhist bezeichnen, es gebe halt nur einige gute Ansätze im Buddhismus, denen er zustimmt… „Aber im Buddhismus gibt es doch keinen Gott, wieso trägst du dann so ein T-Shirt, wenn du nicht an Gott glaubst?“ , fragte mein Mitbewohner. Mein Bruder, interessiert an einer Diskussion über Buddhismus, erklärte „Nein nein, das ist nicht richtig, der Buddhismus sagt nicht, dass es keinen Gott gibt!“ Meine erste Reaktion war, mal ein bisschen Insiderwissen einzuwerfen (Vorlesung „Religionsgeschichte Asiens“), denn Buddha wollte ja eigentlich keine neue Religion gründen, sondern die bestehende vedische Religion (Vorläufer des Hinduismus) reformieren.

Aber an die Grundlagen der Veden glaubte er auch (Wiedergeburt, viele hundert Götter, „eigene Seele“ und „Weltenseele“) und sie sind sogar wesentlicher Bestandteil seiner Lehre. Ziel ist es laut Buddha, aus der ewigen Kette von Wiedergeburten auszubrechen, indem man aufhört zu Denken (Meditation), dadurch seine eigene Seele mit der Weltenseele vereinigt und de facto (endlich) aufhört zu existieren = endlich nichtmehr wiedergeboren wird = Nirvana („Nicht-Existenz“). Grob gesagt. Daneben bemängelte er auch, dass es den Leuten nurnoch um äußere Riten ginge, um Opfer und Feste, aber nicht mehr um die moralischen Gebote. Daher lehrte er auch einige moralische Verhaltensregeln, die aber in der damaligen Religion auch nichts grundlegend neues waren. Es war einfach nur eine Reformströmung und ein Aufruf, nicht unähnlich derer der biblischen Propheten, es müsse doch um das richtige Verhalten gehen, nicht um die Tieropfer.  (-> kleiner, vereinfacht dargestellter Exkurs „Buddhismus für Insider“) Der Punkt ist, Buddha hat kein neues Weltbild gelehrt, sondern ein anderes Verhalten innerhalb des bestehenden Weltbildes.

So ganz ausführlich habe ich das meinem Bruder nicht erklärt, sondern nur gesagt, dass der Buddhismus eine Reformströmung innerhalb der damaligen Religion war und Buddha daher auch an dieses Weltbild und an diese Götter geglaubt hat. Die Götter waren nur nicht von Bedeutung, da man ja eh aus eigener Kraft die eigene Auflösung erreichen wollte, da brauchte man sie nicht für. Mein Bruder warf sofort ein, das sei so nicht richtig und der Buddhismus negiere Gott zwar nicht komplett, kenne aber auch keine Götter. Und Buddha habe bestimmt nicht an einen Gott geglaubt. Des weiteren habe Buddha mit der damaligen Religion nichts am Hut gehabt, sonder habe seine eigene Lehre aufgestellt. Daher sei es falsch, dass der Buddhismus einer anderen Religion entspringe.
Ich war ganz schön erschrocken. Mein Bruder, mein immer kritischer, immer wissenschaftlicher Bruder, der ALLES wissenschaftlich hinterfragt und dir beim Kochen etwas über die verschiedenen Schmelzpunkte deiner Zutaten erzählt, dieser Bruder glaubt unbesehen, was in irgendwelchen Eso-Büchern über Buddhismus steht (ich sag nur „Thich Nhat Hanh“), hat aber allem Anschein nach noch kein einziges Fachbuch zum Thema gelesen (das den Namen „Fachbuch“ verdient). (Und ja, ich habe für meine Klausur religionswissenschaftliche Literatur zum Buddhismus gelesen, daher weiß ich das alles.)

Das macht mir auf der einen Seite Sorgen. Auf der anderen Seite war ich auch froh, zu hören, dass er die Existenz Gottes nicht mehr so grundlegend verneint. Auch wenn die Richtung, in die er sich bewegt, eine falsche ist, konnte ich nicht umhin mich ein bisschen zu freuen, dass er wenigstens nicht mehr vehement gegen Gott ist. Ich weiß nicht, es macht mir einfach ein kleines bisschen Hoffnung. Ich schwanke noch zwischen Hoffen und der Angst, dass er sich weiter in die Sache verrennt.

Und die ganze Zeit muss ich an diese Frau denken, die mir einmal erzählt hat, wie sie ganz tief in Buddhismus, Meditation und Yoga verstrickt war. Bis sie eines Tages während ihrer Meditation Jesus am Kreuz gesehen hat, der gesagt hat „Komm zu mir“. Und ich denke mir – ich weiß ja, Gottes Weg ist anders mit jedem von uns, aber wieso wieso wieso kannst du nicht bitte bitte bitte meinem Bruder bei der Meditation auch so eine Vision schenken?? BITTE!

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