Mein Vater war immer der festen Überzeugung, dass ich als „Frau von heute“ den Männern zeigen sollte, dass wir Mädels das alles genauso gut können. Von klein auf wurde ich hinzugerufen, sobald es etwas zu reparieren galt. Dann erklärte mein Papa mir, wie man den Fernseher auseinandernimmt, einen Nagel sauber – und vor allem ohne danach ins Krankenhaus zu müssen – reinhaut oder wie man Holz bearbeitet. Als ich noch klein war, hat mir das immer sehr viel Spass gemacht. Je älter ich wurde, desto fester wurde meine Überzeugung, weder technisch noch handwerklich begabt zu sein. Das Resultat waren ein paar frustrierende Diskussionen mit meinem Vater, der darauf bestand, dass ich als Tochter eines Ingenieurs doch irgendetwas von ihm geerbt haben müsse. Das heißt, außer dieser Mutation im Gerinnungsfaktor V, die dafür sorgt, dass ich ein höheres Thromboserisiko habe.

Was Begabungen angeht, habe ich mich als äußerst weiblich erwiesen: Ich kann zwar Japanisch reden, aber beim Fahrrad nichtmal selber den Schlauch wechseln. Ich habe also relativ früh den kleinen aber feinen Unterschied am eigene Leib erfahren. Und ich habe auch schnell mitgekriegt, dass dieser Unterschied heutzutage absolut inakzeptabel ist. Eine Frau, die keine Ahnung von Technik hat? Das ist ja so 20. Jahrhundert. Da sollten wir doch mittlerweile drüber hinweg sein. Manchmal kriegt man ja fast das Gefühl, man müsse sich als Frau schämen, wenn man typisch weibliche Begabungen besitzt. Heutzutage studiert frau doch Maschinenbau und nicht Grundschullehramt.

So, wie komme ich auf das Thema? Ganz einfach: Ich habe angefangen, die ersten Bücher für meine Bachelorarbeit zu lesen. Mein Thema ist „Geschlechtsspezifische Sprache“ im Vergleich zwischen Deutsch, Englisch und Japanisch. Die meisten Bücher zu dem Themenbereich handeln nicht nur von unterschiedlichen Sprachmustern, sondern diskutieren auch Gesprächsverhalten und die Rezeption der jeweils anderen Sprachvariante. Das Interessante ist, dass die geschlechtsspezifischen Merkmale in allen drei Sprachen im Grunde die Gleichen sind: Frauen benutzen öfter die Hochsprache, weniger Dialekt, eine korrektere Sprache, mehr und öfter Höflichkeitsformen und machen weniger Fehler oder Wortverschleißungen („isch hab'“ statt „ich habe“ oder „wasn“ statt „was ist denn“). Des weiteren benutzen Frauen mehr Wörter, die relativierend sind („ich denke“, „vielleicht“, „könnte….“), und sprechen indirekter, zum Beispiel durch den Gebrauch des Passivs und des Konjunktivs. In der Körpersprache bleiben sie zurückhaltend, vor allem in Gesprächen mit Männern, und drücken durch weniger Blickkontakt und eine gewisse „kleinmachende“ Körperhaltung (Beine zusammen, Arme an den Körper) unbewusst eine niedrigere soziale Stellung aus.

Nun ist es so, dass Männer den Gebrauch von relativeirenden oder auch gefühlsbezogenen Wörtern (letzteres tritt bei Frauen auch häufiger auf) als Zeichen der Schwäche beziehungsweise Inkompetenz werten, unabhängig vom Inhalt des Gesagten. Das ist eine Erklärungsmöglichkeit dafür, dass Frauen seltener befördert werden und weniger Lohn kriegen: ganz unabhängig von der tatsächlichen Qualifikation werden Frauen von Männern aufgrund solcher Signale automatisch als weniger qualifiziert eingeschätzt. Auch hierzu gab es eine interessante Studie, bei der Frauen und Männer sich mit absolut gleichwertigen Zeugnissen (was Noten, Auslandsaufenthalte etc. angeht) bewarben. Nach der obigen Ausführung ist es nicht schwer zu erraten, welches Geschlecht signifikant öfter eingestellt wurde.

„Aber“, würde jetzt der geneigte Bewerbungstrainer einwerfen, „dann müssen die Frauen eben lernen, im Bewerbungsgespräch die Sprache zu sprechen, die der Personalchef versteht: Männersprache.“ Mit diesem Rat hab ich zwei Probleme:
1. Was für eine „Gleichberechtigung“ soll das sein, wenn man erst gleich berechtigt wird, sobald man den anderen möglichst gut imitiert? Das sind  keine gleichen Rechte, das ist Gleichmacherei. „Wir behandeln Frauen ja gleich, solange sie sich nicht wie Frauen verhalten, sondern wie Männer.“ Das kann’s doch auch nicht sein.
2. Es funktioniert nicht.
Die schlauen Sozialforscher sind natürlich auf die Idee gekommen, in einem zweiten Versuch Schauspielerinnen zu schicken. Die hatten zuvor einstudiert, sowohl in der Körpersprache als auch im Gesprächsverhalten typisch männliche Muster zu zeigen. Den Körper groß machen (aufrecht sitzen, Beine etwas auseinander, Arme zur Seite hin breit machen…), Blickkontakt, direkte Sprache, weniger Lächeln (das wird von Männern als Zeichen der Unterordnung gewertet). Das Ergebnis war, dass noch weniger Frauen eingestellt wurden. Es stellte sich heraus, dass die Personalchefs die gleichen Signale, welche bei einem anderen Mann als Zeichen der Stärke interpretiert wurden, bei Frauen als entweder extrem unhöflich (direkte Sprache) oder sexuelle Avance (Blickkontakt, gerade Haltung = Brust raus) empfanden.

Da wundert es nicht mehr, dass Frauen seltener in Führungspositionen sind und weniger Gehalt bekommen. Gerade bei Ersterem zählt ja der persönliche Eindruck viel mehr als die Leistung. Und hier haben Frauen oft verlore, ganz egal, was sie machen. Verhalten sie sich „weiblich“, ist das ein Zeichen von Schwäche. Verhalten sie sich „männlich“, sind gelten sie als unhöflich oder „leicht zu haben“.

Halten wir also fest: Wir modernen Frauen sollen uns der Männerwelt anpassen und beweisen, dass wir gleichgestellt sind, indem wir unsere Stärken (Sprache, „soziales“) zugunsten der männlichen WICHTIGEN  Betätigungsfelder (Technik…) aufgeben und indem wir das Verhalten und die Sprache lernen, die von Männern in der Geschäftswelt gesprochen wird.

Wenn wir das tun, hilft uns das aber auch nichts.

Tolle Zukunftsaussichten.

(P.S.: Jaja, ich weiß, es gibt sone und solche Männer, die Männer haben ihre eigenen Problemchen mit den Anforderungen an den „modernen Mann“ und sowieso ist das alles „nur“ Statistik, das heißt Ausnahmen gibt es immer. Die Zahlen über die Position von Frauen in Betrieben und ihr Gehalt zeigen aber, dass das keine Hirngespinste von Kampffeministinnen (zu denen ich mich nicht zähle) sind.)

Das musste ich einfach loswerden. Seit ich dieses Buch für die Bachelorarbeit angefangen habe zu lesen, mach ich mir darüber Gedanken.

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