Gestern morgen war die OP. Es ist alles gut gelaufen. Die Ärzte waren sehr nett dort, vor allem der Narkosearzt. Der war ein sehr lustiger Typ, aber auf eine liebe Art. Zuerst wollte er mir eine Kanüle in die Hand legen für das Narkosemittel. Er schaute meine Hand an, schaute mich an und fragte „Haben Sie auch ein paar gute Venen für mich?“ Dann legte er die Kanüle rein, wobei ich wegschaute, weil ich sowas nicht sehen kann. Es gab nur einen kleinen Stich und dann sagte er „Oh verdammt, ich glaube, da muss ich noch ein paarmal üben, bis ich die treffe.“ Ich schaute ihn ganz entsetzt an und er grinste und meinte „War nur ein Spass, alles schon längst fertig.“ Ich mochte seine Art, es hat mich davon abgelenkt, dass ich Angst hatte. Als ich müde wurde, meinte er noch, ich müsse mir jetzt einen Traum aussuchen. Ich sagte noch „Dann hätte ich gerne tanzende, rosane Elefanten.“ „Tut mir leid“, meinte er, „die gibt es nur für Privatpatienten. Aber wir hätten da eine Blumenwiese im Angebot…“
Ich weiß nicht, ob ich geträumt habe. Erinnern tu ich mich nicht. Ich hatte das Gefühl, nur grad für zwei Sekunden die Augen zugemacht zu haben und sofort wieder auf. Und da lag ich plötzlich im Aufwachraum und mein Bein war verbunden und alles fertig. Das war auf jeden Fall eine sehr angenehme Art, operiert zu werden.
Zum Glück wurde ich gut mit Schmerzmitteln versorgt und ich hatte weder direkt nach der OP noch jetzt wirklich schlimme Schmerzen. Wenn ich das Knie nicht ganz unvorsichtig verdrehe. Solange ich es brav stillhalte, merke ich gar nichts. Naja, und gehen geht halt schwer, also sitze ich im Bett.

Die schlechte Nachricht ist: Bei meinen Eltern wird es schlimmer und schlimmer. Es fing schon gut an, als meine Mutter auf dem Weg zu Krankenhaus gefahren ist. Sie ist sowieso  immer nervös beim Fahren. Im Stadtverkehr wurde es schlimmer. Das Navi sagte zum Beispiel „Nach 100 Metern rechts abbiegen“, meine Mutter machte Anstalten, direkt die nächste rechts abzubiegen. Mein Vater rief „Nein nein, hier noch nicht!“, woraufhin meine Mutter anfing herumzubrüllen, er solle gefälligst nicht so schrein, er solle sie in Ruhe lassen, und „DAS WIRD MIR HIER ALLES ZUVIEL!!“ (Ihr Lieblingssatz.) Auf dem Rückweg fuhr dann mein Vater und es war alles in Ordnung, meine Mutter hatte ganz gute Laune und redete davon, dass sie mich jetzt erstmal gesundpflegen. Als ich allerdings zuhause war, es mir auf dem Sofa bequem gemacht hatte und fernsah, kamen meine Eltern dazu. Ich könnte ja mal rücken, dann hätten sie auch Platz. Ich kann aber nicht schmerzfrei rücken und gerade Seitwärtsbewegungen tun weh, trotz Schmerzmittel. Dann hieß es „ausnahmsweise“ ließe man mich ein ganzes Sofa einnehmen, aber nur weil ich krank bin. Danke. Zu großzügig. Ich fühle mich hier sowieso oft genug wie ein ungebetener Gast.
Nach dem Essen hatte ich immer noch Hunger und fragte meine Mutter, ob noch was zu Essen da sei. Mein Magen knurrte, weil ich seit dem Vortag um 10 Uhr abends nichts mehr hatte essen dürfen, wegen der Narkose. Ich hatte eine normale Portion beim Essen gehabt, die nicht gereicht hat. Immerhin hatte ich ja auch etwas Blut verloren. Meine Mutter reagierte genervt, sie habe jetzt nichts zu essen für mich da. Schließlich bekam ich dann doch eine Banane, die zumindest etwas half bis zum Abendessen. Trotzdem war ich noch nach dem Abendessen hungrig. Kein Wunder, mein Körper hat grad einiges an Heilungs- und Blutnachschubarbeit zu leisten. Mein Vater gab mir dann einen seiner großen Müslijoghurtbecher ab, wieder mit einer großen Geste, dass ich das „ausnahmsweise“ und „nur weil ich krank bin“ bekomme. Ich weiß, man sollte nie etwas für selbstverständlich halten. Aber in dem Moment hätte ich mir gewünscht, dass es selbstverständlich wäre.

Heute wurde es dann wieder schlimmer. Morgens war ich wieder im Krankenhaus zur Nachkontrolle. Der Arzt meinte, dass das alles sehr gut aussieht. Als ich mit meinem Vater zurückkam, hatte meine Mutter richtig schlechte Laune. Wir kamen herein, mein Vater ging zu meiner Mutter in die Küche und fing an mit „Also der Arzt hat gesagt, es sieht alles gut aus…“, kam aber nicht viel weiter, bis meine Mutter ihn anbrüllte „ICH WILL DAS JETZT NICHT HÖREN! DAS IST MIR ALLES ZUVIEL HIER!“ (Wie gesagt, ihr Lieblingssatz.) Ich bin in mein Zimmer gehumpelt, während mein Vater und meine Mutter in der Küche gestritten haben. Dann brachte mein Vater die Einkäufe in die Garage, was einen neuen Streit vom Zaun brach, weil da ja auch Obst bei war, das bei diesen Temperaturen erfriert. Beim Essen liefen nebenbei die Nachrichten und meine Mutter regte sich über verschiedene Sachen auf, wie „die Griechen“ und so.
Dann kam sie auf das Thema Bachelorarbeit. Ob ich schon beim Professor war? Nein, ich hab doch noch nicht mal die offizielle Anmeldung gemacht. Wie? Ich dachte du würdest jetzt anfangen? Ich hatte geplant diese Woche anzufangen, da kam jetzt die OP dazwischen. Aber es reicht eh, wenn ich bis Anfang März die Anmeldung mache. Ich werd’s trotzdem versuchen, nächste Woche zu machen. ANFANG MÄRZ?? SO SPÄT? Ich will mich auch ein bisschen Ausruhen ein paar Tage, dann fange ich damit an. Ja aber du musst das doch JETZT machen. JETZT bist du noch drin im Rhythmus. Wenn du erstmal anfängst herumzufaulenzen, kannst du dich nicht mehr aufraffen. Dann wird das nichts mehr, das sage ich dir! Ich hatte gerade eine OP. Ich würde mich gerne erholen. Ich hätte auch gerne zwischendrin Ferien. Aber willst du nicht so schnell wie möglich fertig sein? Wir wollen doch den Urlaub planen als Belohnung für den Bachelor!! Wenn du jetzt erstmal lange herumtrödelst, wird das so nichts! Ich bin mit dem Bachelor frühestens im Juli fertig, wenn die Klausuren vorbei sind. Die Bachelorarbeit früher abzugeben ändert da gar nichts dran.

Meine Mutter war alles andere als überzeugt und ziemlich sauer. Als ich in mein Zimmer ging, hörte ich, wie sie zu meinem Vater motzte. Ich sage dir, DAS wird nichts mehr mit der! Nur am rumtrödeln! Erst hieß es, sie fängt jetzt sofort an, jetzt heißt es „nächste Woche“ (Hallo? Kleine OP die dazwischen kam???) , dann wieder doch im März (Ich sagte, es reicht, wenn ich bis März anfange, nicht, dass ich tatsächlich bis März warte.) und als nächstes kommt sie wahrscheinlich an und macht es erst im April! (Der letzte Teil war schon geschrien.)
Das schlimmste ist ja, dass meine Mutter diejenige aus der Familie ist, die am wehleidigsten reagiert. Sobald irgendwas ist, ist ihr „Alles zuviel Stress“. Und dann heißt es „Ich koche jetzt nicht, das ist mir zuviel“, „Ich brauche Ruhe, ich hab’s im Magen/Kopf/Bauch“ und dann bleibt sie den halben Tag im Bett und macht nichts. Einmal abgesehen davon, dass ich das mit meiner unprofessionellen Meinung für rein psychosomatisch halte, wäre ich die letzte, die jemandem abspricht, sich auszuruhen wenn’s ihm schlecht geht. Aber dann erwarte ich auch, dass mir zugestanden wird, mich auch mal auszuruhen. Gerade von jemandem, der das selber so oft in Anspruch nimmt. Aber nein, ich muss sofort weiterpowern und möglichst gestern schon mit dem Bachelor fertig sein.

Ich freue mich einfach nur auf zuhause. Und mit „zuhause“ meine ich mein Zimmer in Bonn.

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