Aus dem Buch „Drehn Sie sich um, Frau Lot“ von Ephraim Kishon (Seite 99, Ausgabe 1978, Ullstein:Wien – wir wollen ja die korrekten bibliographischen Angaben nicht vergessen), einem bekannten israelischen Schriftsteller. Ich habe es heute im öffentlichen Bücherschrank gefunden habe. Und darin gelesen, statt zu lernen. Jetzt habe ich es durch und möchte eine der vielen tollen Kurzgeschichten hier verbreiten.
Nachzulesen ist sie auch hier: http://www.herbig.net/uploads/tx_ttipcshop/media/Leseprobe_Nachbarn.pdf.

Eine der künstlichen, von Menschenhand erzeugten Zores (=Sorgen), unter denen wir am meisten zu leiden haben, ist das Gerücht. Möglicherweise wurde es sogar von den Juden erfunden; unsere Geschichte liefert manche Anhaltspunkte für diese Vermutung.
Das Gerüchteverbreiten ist eine ebenso einfache wie ergiebige Tätigkeit: man denkt sich irgend etwas Erschreckendes aus und erschrickt dann selbst davor. Schon unsere Weisen wussten, dass die Menschen leichter glauben, was sie hören, als was sie sehen. Besonders gerne glauben sie etwas Nachteiliges über ihre Mitmenschen.
Zum Beispiel saß eines Nachmittags mein Freund Jossele bei mir, als das Telefon läutete und jemand fragte, ob er mit der Vereinigten Holzwolle AG verbunden sei. „Vereinigte Holzwolle AG? Nein, da haben Sie eine falsche Nummer“, sagte ich und hängte ab. Gleich darauf läutete es zum zweiten Mal und der kurze Dialog wiederholte sich.
Als es zum dritten Mal läutete, nahm Jossele den Hörer auf und sagte: „Vereinigte Holzwolle.“
„Endlich“, sagte eine Stimme am anderen Ende des Drahtes. „Ich möchte mit Salzberger sprechen.“
„Bedaure. Herr Salzberger hat mit unserer Firma nichts mehr zu tun.“
„Wieso nicht? Ist etwas geschehen?“
„Man ist ihm auf seine Betrügereien gekommen.“
„Was Sie nicht sagen!“
„Sie sind überrascht? Solche Sachen müssen ja einmal auffliegen.“
„Wem erzählen Sie das. Ich warte schon seit Monaten darauf.“
Der unbekannte Telefonpartner beendete das Gespräch und macht sich eilends auf den Weg, um die frohe Nachricht zu verbreiten, dass Salzberger am wohlverdienten Ende sei. Hätte Jossele ihn stattdessen zum Generaldirektor der Vereinigten Holzwolle AG avancieren lassen – der Mann am Telefon hätte Lunte gerochen und kein Wort geglaubt.
Und das bringt mich zu meinem Erlebnis mit Kunstetter.

Freunde erwählt man, nahe Verwandte kann man entfernen, aber Nachbarn bleiben Nachbarn. So konnte ich es nicht verhindern, dass Manfred Stockler vor Sonnenaufgang an meine Tür klopfte. Ich muss, obwohl das nicht besonders rühmenswert ist, vorausschicken, dass ich in den frühen Morgenstunden, während die übrige Bevölkerung sich in den Produktionsprozess unseres emsigen Landes einschaltet, gerade noch die Energie aufbringe, mich von einer Seite auf die andere zu wälzen und weiterzuschnarchen.
Man wird somit ermessen können, welchen Schock es für mein labiles Innenleben bedeutete, als ich eines Nachts um sieben Uhr durch wildes, hemmungsloses Klopfen an der Tür aus meinem Schlaf geschreckt wurde. Ich tastete mich hinaus, da die beste Ehefrau von allen alarmsicheres Ohropax in den Ohren hatte. Aber da hatte Manfred die Tür bereits aufgebrochen und stand im Pyjama vor mir.
»Weißt du schon?«, fragte er atemlos.
»Nein«, antwortete ich mit halbgeschlossenen Augen. »Ich will schlafen.« Damit wandte ich mich ab und schlug, vor Müdigkeit torkelnd, den Weg zum ehelichen Schlafzimmer ein.
Mein Nachbar hielt mich an der Hose fest.
»Mensch!«, keuchte er. »Das Histadruthhaus ist in die Luft gegangen! Eine Katastrophe!« (Das Histadruth- oder Gewerkschaftshaus, im Volksmund auch »Kreml« genannt, ist ein pompöses Gebäude, das alles enthält, wovon ein Bürokrat nur irgend träumen kann.)
»Wie gut müssen wir geschlafen haben, wenn uns nicht mal diese Explosion geweckt hat«, brummte ich gähnend.
»Auch ich habe nichts gehört«, gestand Manfred. »Aber Guggelmann sagt, dass ihm davon beinahe das Trommelfell geplatzt wäre. Er war schon um fünf bei mir und ist dann zu den Nachbarhäusern weitergelaufen. Ich habe es übernommen, eure Gegend zu benachrichtigen, damit keine Panik entsteht. Guggelmann ist überzeugt, dass das Haus von Terroristen gesprengt wurde. Über den Ruinen liegen dicke Rauchschwaden.  Manchmal sieht man noch kleine Stichflammen in die Höhe schießen.«
Es erschütterte mich, mir das einstmals so stolze Gebäude als rauchenden Trümmerhaufen vorstellen zu müssen. Doch fiel mir gleichzeitig auf, dass mein Freund Manfred von der Wirkung seiner Nachricht so stolzgebläht war, als hätte ihm sein Chef auf die Schulter geklopft. Darüber ärgerte ich mich sehr. Ich habe für die Histadruth als solche nicht viel übrig, weil ihre Funktionäre immer stundenlang reden, ohne dass man nachher wüsste, was sie gesagt haben – aber das ist noch lange kein Grund, über die Zerstörung des Gewerkschaftshauses vor Freude zu strahlen.
»Sag einmal, Manfred – was macht dich eigentlich so glücklich?«, fragte ich unwirsch. »Wozu soll es gut sein, dass dieses Haus in die Luft gegangen ist?«
Manfred sah mich verächtlich an.
»In den Blocks, in denen ich bisher war, hat mir kein Mensch so eine blöde Frage gestellt. Ich bin durchaus nicht glücklich. Ich bin nur nicht so borniert wie du. Als altes Mitglied der Histadruth sage ich dir: Es ist ganz gut, wenn wir von Zeit zu Zeit merken, dass es in diesem Land auch noch andere Kräfte gibt. Um das Haus ist es allerdings schade, das stimmt. Eine Katastrophe.«
Mittlerweile war ich so rettungslos wach geworden, dass ich die Fensterläden öffnete und in die Welt hinausblinzelte. Der neue Tag zog strahlend auf. Vom Mittelmeer wehte eine kühle Brise. Die Wäsche der Familie Kalaniot von nebenan trocknete auf unserem Rasen. Zwei junge Hunde jagten einander im Kreis. Von der Stadtmitte her grüßte das imposante Gebäude der Histadruth. Gerade kam der Zeitungsjunge auf seinem Fahrrad vorüber, verspätet wie immer.
»Verzeih, wenn ich störe – aber die Explosion des Histadruthhauses scheint sich erst im Stadium der Planung zu befinden. Das Haus steht noch.«
Manfred versuchte mit seinen Pantoffeln verschiedene ellipsoide Figuren auf den Teppich zu zeichnen und sah mich nicht an.
»Das Haus ist vollkommen unbeschädigt«, sagte ich mit Nachdruck. »Hast du gehört?«
»Natürlich hab ich gehört. Ich bin ja nicht taub.«
»Willst du es dir nicht anschauen?«
»Nein. Das hat keinen Zweck. Es ist ja heute Nacht in die Luft gesprengt worden. Eine Katastrophe.«
»Aber du kannst es doch hier vom Fenster mit deinen eigenen Augen sehen!«
»Genug!«, brauste Manfred auf. »Du bist wirklich störrisch wie ein Maulesel! Nimm gefälligst zur Kenntnis, dass ich meine Information aus absolut sicherer Quelle habe!« Er warf mir noch ein paar wütende Blicke zu, aber dann schien sich sein Zorn zu legen und freundschaftlichem Mitleid zu weichen. »Na, mach dir nichts draus, mein Alter. Kopf hoch. Man muss auch solche Schicksalsschläge ertragen können. Weiß Gott, wer ein Interesse an dieser Explosion hatte … eine Katastrophe … Rauchwolken … Stichflammen …«
Die Wolke, die mich jetzt umfing, war nicht rauchig, sondern rot, blutig rot.
»Zum Teufel!«, brüllte ich. »Was stehst du da und erzählst mir Märchen, wo du doch nur ein paar Schritte zum Fenster machen musst, um dich selbst zu überzeugen –«
»Ich brauch mich nicht zu überzeugen. Guggelmanns Wort genügt mir.«
»Und wenn Guggelmann hundertmal sagt, dass –«
»Einen Augenblick!« Empört fiel mir Manfred ins Wort. »Willst du damit vielleicht andeuten, dass Guggelmann ein Lügner ist? Ausgezeichnet. Ich werde mir erlauben, ihm das mitzuteilen. Du kannst dich auf etwas gefasst machen!«
»Wer – was – wieso? Wer ist dieser Guggelmann überhaupt?!«
»Also bitte. Da haben wir’s. Er weiß nicht einmal, wer Guggelmann ist – aber er nennt ihn vor der ganzen Welt einen Lügner. Gehst du da nicht ein wenig zu weit?«
Ich sackte zusammen und brach in Tränen aus.
Manfred strich mir teilnahmsvoll übers Haar.
»Falls du Wert darauf legst«, sagte er begütigend, »kann ich dir Augenzeugen bringen, die mit ihren eigenen Ohren gehört haben, wie Guggelmann gesagt hat, dass vom ganzen Histadruthgebäude nur ein paar Stichflammen übriggeblieben sind. Eine Katastrophe.«
»Aber hier – von diesem Fenster –«, wimmerte ich.
»Auch das Radio hat es gebracht, wenn dich das beruhigt.«
»Welches Radio?«
»Guggelmanns Radio. Das neueste auf dem Markt. Mindestens neun Röhren.«
Ein paar wahnwitzige Sekunden lang war ich drauf und dran, ihm zu glauben. Das menschliche Auge kann irren, aber Guggelmann bleibt Guggelmann …
Dann warf ich mich mit heiserem Röcheln auf Manfred Stockler und zerrte ihn ans Fenster:
»Da – schau!! Schauen sollst du!! Hinausschauen!!«
»Wozu?« Manfred schloss die Augen und krümmte sich in meinem eisernen Griff. »Wenn ich zum Fenster hinausschauen wollte, könnte ich ja zu meinem eigenen Fenster hinausschauen. Aber Guggelmann hat gesagt –«
»Schau – schau hinaus – schau – schau hinaus –«, ich hatte mich in seinen Haaren festgekrallt und schlug seine Stirn im Takt gegen den Fensterrahmen, »schau hinaus und sag mir, ob sie das Haus in die Luft gesprengt haben oder nicht. Ob das Haus dasteht oder nicht.«
»Jetzt steht es da«, sagte Manfred.
»Was heißt das – jetzt?«
»Es wurde heute Nacht in die Luft gesprengt und am Morgen wieder aufgebaut.«
Schlaff sanken meine Arme nieder. Manfred entwand sich mir unter hässlichen Flüchen und eilte in den klaren Morgen hinaus, um die noch nicht infor mierten Nachbarn über die Katastrophe zu informieren.
Ich schleppte mich mühsam ins Bett neben die friedlich schlummernde beste Ehefrau von allen zurück, schloss die Augen und verfiel in einen krampfigen, ungesunden Schlaf, der auch pünktlich einen Alptraum mit sich brachte: Sämtliche Atombombenvorräte sämtlicher Großmächte waren durch einen Irrtum gleichzeitig explodiert, und die ganze Welt lag in Trümmern. Nur das Histadruthgebäude stand unversehrt da.

Und ein wenig fühle ich mich erinnert an Diskussionen mit Leuten, die Gott ablehnen. Und noch nicht einmal den einen, kleinen, unverbindlichen Blick wagen wollen.

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