Hier ein kleines Weihnachtsgeschenk:

Ein großer Tag für Vater Martin

Vor langer Zeit lebte in einem kleinen Dorf im weiten Russland ein alter Schuhmacher. Obwohl er eigentlich Herr Martin hieß, nannten ihn alle „Vater Martin“, weil ihn alle so mochten.
Vater Martin war nicht reich. Er hatte nur eine kleine Werkstatt mit einem Fenster zur Dorfstraße hin. Hier schlief, kochte und arbeitete er. Durch das Fenster schaute er oft den vorbeigehenden Leuten zu.
Vater Martin hatte immer genug zu tun. Seine Schuhe waren gut verarbeitet und auch nicht teuer.

Eines Abends, es war der Tag vor Weihnachten, döste Vater Martin in seinem Ohrensessel. Plötzlich flüsterte es dicht an seinem Ohr: „Vater Martin“ Er fuhr aus seinem Halbschlaf auf und fragte: „Wer ist da?“ Er blickte sich um und ging auch zur Tür, doch es war niemand zu sehen! Dann setzte er sich wieder und nach einiger Zeit war er wieder eingeschlummert.
Dann hörte er wieder eine Stimme: „Vater Martin! Schau morgen den ganzen Tag auf die Straße hinaus, denn ich will zu dir kommen. Pass aber auf, dass du mich erkennst, denn ich werde nicht sagen, wer ich bin.“
Dann war alles wieder still. Vater Martin wachte auf, rieb sich die Augen und erhob sich von seinem Sessel.
„Das war er“, sagte Vater Martin dann – noch etwas verwirrt und erstaunt – zu sich selbst „Das war Jesus Christus gewesen!“ Zwar wusste er nun nicht, ob er diese Worte im Traum oder in Wirklichkeit gehört hatte, aber das spielte jetzt keine Rolle. Wichtig für ihn war nur, dass der Herr Jesus ihm versprochen hatte, morgen vorbei zu kommen. Nun machte er sich Sorgen, Jesus auch zu erkennen, denn er wusste ja nicht, wie Jesus aussah!

Dann sann Vater Martin weiter: „Wenn der Herr Jesus morgen zu mir käme, würde ich ihm sehr schöne Geschenke machen. Auch würde ich ihm feines Essen und was schönes zum Trinken geben“, dachte Vater Martin weiter. „Doch was könnte ich ihm denn überhaupt schenken?“
Da hatte er eine Idee: Er ging zum Wandregal und nahm eine verschnürte Schachtel herunter. Er öffnete sie, zog zwei kleine Schühchen heraus und betrachtete sie mit liebevollem Blick. Er hatte sie damals für seinen ersten Sohn gemacht und alle seine Kinder hatten in ihnen laufen gelernt. Es waren die besten Schuhe, die er jemals gemacht hatte.
„Ich würde Jesus Christus diese Schuhe schenken“, sagte er sich schließlich, „denn etwas Besseres habe ich nicht.“ Dann packte er die Schuhe weg, setzte sich mit einem Buch in seinen bequemen Sessel und las. Mit der Zeit wurde er immer müder, bis er schließlich einschlummerte.
Draußen kam ein dichter Nebel auf. Die Leute, die an dem Häuschen von Vater Martin vorbeieilten, konnte man kaum mehr sehen. Doch Vater Martin schlief weiter und schnarchte dabei leise vor sich hin.

Am nächsten Tag stand er schon sehr früh auf, machte Feuer im Ofen an und setzte die Krautsuppe und die Grütze auf. Dann machte er Tee und stellte die Kanne auf den Ofen. Anschließend band er sich wie gewohnt seine Schuhmacherschürze um und setzte sich ans Fenster an seine Arbeit.
Während der Arbeit dachte Vater Martin immer an das gestrige eigenartige Erlebnis und dachte darüber nach: Hatte er die Stimme wirklich gehört, oder hatte er alles nur geträumt?
Dabei schaute Vater Martin immer wieder hinaus, um auch ja keinen zu übersehen, der vorüberging. Er sah, wie erst der Hausknecht vorüber ging, dann der Wasserträger, dann ein alter Soldat aus des Kaisers Armee mit einer Schaufel in der Hand. Vater Martin konnte ihn an den Filzstiefeln erkennen. Der alte Mann hieß Stepanytsch und wohnte gleich nebenan bei einem Kaufmann, der ihn aus Mitleid aufgenommen hatte.
Nun fing Stepanytsch an, vor dem Fenster von Vater Martin den Schnee wegzuschaufeln. Vater Martin sah ihm erst eine Zeitlang durch das Fenster zu, dann sagte er sich plötzlich „Ich muss wohl verrückt geworden sein – Stepanytsch schaufelt Schnee, und ich bilde mir ein, der Herr Jesus würde zu mir kommen!“
Dann sah er, wie Stepanytsch erschöpft die Schaufel an die Wand stellte und sich etwas ausruhte. Stepanytsch war ein alter und gebrechlicher Mann, dem das Schneeschaufeln zu schwer war. Der Mann tat Vater Martin leid, darum ging er nach draußen und lud ihn ein: „Komm herein in mein warmes Zimmer und ruh dich etwas aus!“
„Vielen Dank“, bedankte sich Stepanytsch und trat ein. Er schüttelte den Schnee ab und wischte den Schnee von den Stiefeln, um den Boden nicht nass zu machen, und trat dann ein. „Bemüh dich nicht, denn ich werde nachher sowieso aufwischen! Komm setz dich und trinke etwas Tee“, sagte Vater Martin zu ihm. Dann schenkte Vater Martin zwei Glaser ein, schob eins davon dem Gast hin und trank das andere selbst. Stepanytsch trank sein Glas leer, stellte es dann wieder hin und bedankte sich. Vater Martin sah, dass er gerne noch ein Glas getrunken hätte, darum goss er ihm noch etwas Tee ein und sagte: „Ich habe genug Tee, trink noch ein Glas“
Während Vater Martin seinen Tee trank schaute er immer wieder zum Fenster hinaus.
„Du erwartest wohl jemanden?“ fragte nun der Gast. „Störe ich?“
Vater Martin schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, bleib ruhig ein Weilchen. Ich … hm, hast du schon mal von Jesus gehört?“
„Ich bin ja ein unwissender Mann, der nicht lesen gelernt hat, aber ist das nicht der, der wie Gott ist?“ fragte ihn der alte Soldat.
„Ja, genau. Den meine ich! Und dieser Jesus will heute zu mir kommen“, antwortete Vater Martin. Stepanytsch schüttelte etwas ungläubig den Kopf, sagte aber nichts. Da erzählte ihm Vater Martin nun die ganze Geschichte und sagte zum Schluss: „Aus diesem Grund warte ich auf ihn“.
„Ich danke dir herzlich, Vater Martin“, sagte nun der Gast und verabschiedete sich.
„Komm nur wieder vorbei, du bist immer willkommen“, sagte Vater Martin noch zum Abschied. Dann verließ Stepanytsch das Häuschen.
Vater Martin goss noch den letzten Tee in sein Glas, trank es aus, räumte das Geschirr dann weg und setzte sich wieder an das Fenster an seine Arbeit. Er nähte nun einen Absatz, wobei er aber immer wieder aus dem Fenster sah, denn er wartete weiter auf Jesus und dachte an ihn und seine Worte.

Nun gingen zwei Soldaten vorüber, dann der Besitzer des Nachbarhauses und kurz darauf der Bäcker mit seinem Korb.
Danach sah Vater Martin eine Frau in Wollstrümpfen und Bauernschuhen, die er nicht kannte und die wohl eine Fremde sein musste. Sie ging am Fenster vorbei und blieb dann an einer Hausmauer stehen. Sie war ärmlich gekleidet und hielt ein Kind auf dem Arm, das sie fest an sich presste, um ihm so noch etwas mehr Wärme zu geben.
Vater Martin ging vor die Haustür und rief: „Komm herein, bei mir ist es schön warm.“ Erst wollte die Frau erschreckt davonlaufen, doch dann sah sie die freundlichen Augen des alten Schuhmachers und folgte ihm in das warme Zimmer.
„Setz dich! Ich mache dir und dem Kleinen etwas zu essen.“ sagte Vater Martin, doch die Frau wollte nichts essen. Sie stimmte aber zu, dass Vater Martin dem Baby etwas Milch gab.
Die Frau wärmte sich am Ofen. Dabei erzählte sie Vater Martin wer sie sei und woher sie kam: „Ich bin die Frau eines Soldaten, den man vor acht Monaten weit fort geschickt hat. Seitdem habe ich keine Nachricht von ihm. Mit dem Kind will mich niemand behalten. Nun habe ich zwar eben eine Arbeitsstelle gefunden, aber ich kann dort erst nächste Woche beginnen. Zum Glück hat wenigstens die Wirtin mit uns Mitleid und lässt uns bis dahin kostenlos bei ihr wohnen. Wir sind jetzt auf dem Weg zu ihr, aber der Weg ist lang und mühsam.“
„Dein armes Kind hat ja noch nicht mal Schuhe!“ stellte Vater Martin nun fest. Entmutigt antwortete die Frau: „Wo soll ich sie denn hernehmen?“
Vater Martin stand nun auf, legte der Frau das Kind wieder in die Arme und ging zum Wandregal. Dann holte er die Schachtel mit den kleinen Schuhen herunter und packte sie aus.
Er zog die Schuhe dem Kleinen über die Füße: sie passten wie angegossen. „Die schenke ich dir“, sagte lächelnd.
Die Frau brach in Tränen aus und weinte „Wie kann ich dir nur jemals dafür danken“!
Vater Martin stellte sich nun wieder ans Fenster und schaute hinaus. „Warum stehst du am Fenster und schaust hinaus?“ fragte die Frau Vater Martin.
Vater Martin erzählte nun auch der Soldatenfrau die Geschichte, wie er die Stimme Jesu gehört habe und dass Jesus ihn heute besuchen wolle.
„Ich wünsche es dir“, sagte darauf die Frau. „Du verdienst es wirklich, denn du warst so gut zu mir und meinem Kind!“ Mit diesen Worten stand sie wieder auf, hüllte das Kind sorgsam ein, verbeugte sich, dankte Vater Martin noch einmal und ging wieder weg.

Vater Martin aß nun seine Krautsuppe, räumte ab und machte sich wieder an seine Arbeit, vergaß dabei aber nicht, weiter die Vorbeigehenden zu beobachten. Die Stunden vergingen während viele Menschen an seinem Fenster vorbei kamen. Vater Martin sah sie sich alle genau an, aber Jesus Christus konnte er nicht unter ihnen entdecken.
Nun packte ihn die Angst: War Jesus vielleicht schon vorbeigekommen ohne das er ihn erkannt hätte? Vielleicht war Jesus sehr schnell an seinem Fenster vorbeigegangen, und er hatte in diesem Augenblick gerade mal nicht aufgepasst! Vielleicht war Jesus vorbeigegangen, als er gerade die Suppe umgerührt hatte? Der alte Schuhmacher hielt es nun nicht mehr auf seinem Stuhl aus und er ging an die Tür und schaute hinaus, doch er konnte Jesus immer noch nicht sehen.

Mittlerweile war es schon dunkel geworden, und Vater Martin wurde sehr traurig. Es war so dunkel, dass er die vorbeigehenden Leute kaum noch erkennen konnte. Er setzte sich in seinen Sessel. Dicke Tränen liefen ihm über die Wangen während er sich sagte: „Es war also wohl doch nur ein Traum! Ich wollte so gerne, dass Jesus vorbeikäme!“ Kaum hatte Vater Martin das gesagt, da schien es ihm, als ginge jemand hinter ihm. Als er sich umsah war es ihm, als stünden Menschen in einer dunklen Ecke, die er aber nicht erkennen konnte und eine Stimme flüsterte ihm ins Ohr:
„Vater Martin! Hast du mich denn nicht erkannt?“ Plötzlich war ihm, als sähe er Stepanytsch in der Ecke stehen und ihm zulächeln. Und da vorne, war das nicht die Frau mit dem Kind? „Vater Martin, hast du mich denn wirklich nicht erkannt? Ich war hungrig, und du hast mir mich gespeist. Ich war durstig, und du hast mir zu trinken gegeben. Ich war nackt, und du hast mich gekleidet.“

Nun erkannte Vater Martin, dass er nicht betrogen worden war, denn Jesus war an diesem Tag wirklich zu ihm gekommen.
(Leo Tolstoi)

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